Die Dezemberausgabe der bwp@ müsste ja eigentlich schon ein halbes Jahr draussen sein – und ist es wahrscheinlich auch. Dennoch bin ich erst jetzt durch mehrere Hinweise (u. a. dem Beitrag von Jochen Robes) auf einen Artikel von Thomas Reglin und Lutz Galiläer mit dem Titel “Neue elektronische Medien als Instrumente informellen Lernens von Wissensarbeitern” aufmerksam geworden.
Das hörte sich erstmal sehr spannend an – eine Formulierung die schon darauf hinweist, dass diese Erwartungen nur bedingt erfüllt wurden. Vielleicht das Positive vorweg: Das Thema verdient mehr Beachtung und scheint mir im Zuge der Diskussion um Enterprise 2.0 ein wenig an Kontakt zu den betriebspädagogischen Wurzeln zu verlieren, die hier von Reglin und Galiäer aufgegriffen werden. Dies geschieht – wie Jochen Robes erwähnt – systematisch. Für mich ist diese Systematik jedoch eher vordergründig und bei näherer Betrachtung nicht sehr aufschlussreich. Aber der Reihe nach und möglichst konstruktiv.
Vom Titel her ist es Anliegen, sich dem Zusammenhang von Neuen Medien, informellen Lernen und Wissensarbeit zu nähern. Begriffe – oder sollte man besser Buzzwords sagen – die die Welt bewegen, im Artikel aber nicht geklärt werden. So kam es bei mir zu einigen Verunsicherungen, wenn Foren als Neue (?) elektronische Medien dargestellt und informelles Lernen (scheinbar) synonym zum selbstgesteuerten Lernen verwendet wurde. Hier fehlte mir ein wenig Präzision/Definition aber auch Quellen – neben aktuellen Publikationen (z. B. Molzberger 2007, Fahr 2008) vor allem die englischsprachigen Dauerbrenner zum informellen Lernen in der Arbeit (von Marsick und Grarrick bis Cross). Darüber hinaus wurde die gesamte Diskussion zum Enterprise 2.0 mit vielen Schnittstellen zum informellen Lernen nicht tangiert (hier sei auf die Herausgeberbände von Back, Gronau & Tochermann 2008, Koch & Richter 2007 oder Buhse & Stamer hingewiesen). Das fand ich ein wenig schade.
Die Autoren nutzen dann das Konzept der vollständigen Handlung, um die Ansatzstellen für informelles Lernen im Arbeisprozess deutlich zu machen. Dieser Ansatz hinterlässt bei mir ein wenig Bauchschmerzen, da doch die vollständige Handlung eher den “didaktisierten Idealtypus”eines Arbeitsprozesses darstellt und damit wenig geeignet erscheint informelles Lernen zu analysieren – zumindest in meinen Augen.
Schlussendlich wird sehr anschaulich das informelle Lernen anhand eines Chat-Threads analysiert, aber dann kaum in Verbindung zu den Ergebnissen des Beitrags gebracht (auch der Zusammenhang zwischen dem Thread und Wissensarbeit erschien mir eher vage, da es um ein theoretisches Grundlagenproblem geht, dass ähnlich auch in einem Studium vorkommen könnte). So bleibt neben dem Nicken zu den Hypothesen der Autoren wenig Greifbares. Das ist dann auch der Grund, warum meine Erwartungen ein wenig enttäuscht wurden. Dennoch bietet der Aufsatz, wie hier gezeigt, viele Anknüpfungspunkte für die Diskussion zum informellen Lernen mit Neuen Medien (von Wissensarbeitern).
Quellen
Back, A., Gronau, N. & Tochtermann, K. (2008). Web 2.0 in der Unternehmenspraxis. Grundlagen, Fallstudien und Trends zum Einsatz von Social Software. München: Oldenbourg Verlag.
Buhse, W.; Stamer, S. (Hrsg.) (2008): Enterprise 2.0: Die Kunst, loszulassen. Berlin: Rhombos-Verlag.
Fahr, F. (2008). LernWerk – Lernen im Prozess der Arbeit am Beispiel der Automobilindustrie. Bielefeld: W. Bertelsmann.
Koch, M. & Richter, A. (2008). Enterprise 2.0: Planung, Einführung und erfolgreicher Einsatz von Social Software in Unternehmen. München: Oldenbourg Verlag.
Molzberger, G. (2007). Rahmungen informellen Lernens – Zur Erschließung neuer Lern- und Weiterbildungsperspektiven. Wiesbaden: VS-Verlag.
Informelles Lernen in der Lehrerbildung scheint vermehrt an Aufmerksamkeit zu gewinnen. Nachdem ich hier schon auf eine neue Publikation hingewiesen habe kommt die neue Ausgabe der Zeitschrift Journal of Workplace Learning gleich mit drei Beiträgen zu diesem Themenfeld heraus.
Annemarieke Hoekstra, Fred Korthagen, Mieke Brekelmans, Douwe Beijaard, Jeroen Imants: Experienced teachers’ informal workplace learning and perceptions of workplace conditions The purpose of this paper is to explore in detail how teachers’ perceptions of workplace conditions for learning are related to their informal workplace learning activities and learning outcomes.
Elena Jurasaite-Harbison: Teachers’ workplace learning within informal contexts of school cultures in the United States and Lithuania The purpose of this paper is to explore informal contexts of teachers’ workplace professional learning and inform educational researchers, teacher educators, administrators and teachers about ways in which teachers learn to improve their practice. By questioning how teachers learn on-the-job to be better teachers and how school cultures position them as learners, this study seeks to generates hypotheses about relationships between the nature of workplace professional learning and its content and informal contexts.
Jim McNally, Allan Blake, Ashley Reid: The informal learning of new teachers in school The purpose of this paper is to present what the study of the experiences of beginning teachers and their informal learning says about the process of learning to teach, and to discuss the main emerging themes in relation to a wider literature.
Haben Sie sich nicht auch schon mal gefragt, was das eigentlich mit dem informellen Lernen soll und wer überhaupt (welche) Interessen am informellen Lernen hat? Mit diesem Thema beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe der Online-Zeitschrift “Bildungsforschung“. Unter dem Titel “Warum informell Lernen? Argumente und Motive” wird ein Blick hinter die Kulissen eines vermeintlichen Trends gewagt und nach den Beweggründen gefragt, warum sich Menschen für informelles Lernen begeistern oder engagieren. Dabei wird neben der individuellen Ebene auch die der Organisationen und der Politik beleuchtet.
Insgesamt 9 Beiträge haben das Reviewverfahren erfolgreich durchlaufen.
Offenbar verbreitet erscheint uns die Annahme, dass Interesse von innen, aus sich selbst heraus, also selbstbestimmt entstünde. Diese Annahme wird hier einer empirischen Analyse unterzogen. Das Ergebnis zeigt, dass Interessen zwar selbst bestimmt ausgewählt zu sein scheinen, doch zeigen die Berichte die enge Verbindung zur sozialen Schicht und zur Erfahrungswelt – mithin also zu fremden Einflüssen. Das dahinter stehende Vergessen sozialer Einflüsse ist genuines Merkmal des Habitus im Sinne Bourdieus. Ergo prüfen wir am Material, inwiefern wir es mit habituellen Charakteristika bei der Interessegenese zu tun haben.
In diesem Beitrag wird der Frage nach der Mediennutzung und Web-2.0-Nutzung in informellen Lernkontexten nachgegangen. Eine Befragung unter 770 österreichischen Studierenden zeigt eine geringe Verwendung von Web-2.0-Medien beim informellen Lernen und die Dominanz von internetbasierten Diensten. Abschließend werden die Potentiale, die sich durch die Integration von Lehr-/ Lernszenarien mit Web 2.0 in die Hochschullehre ergeben können, diskutiert.
In diesem Beitrag wird vorgeschlagen, die Differenz zwischen formalen und informellen Lernkontexten über das Verhältnis von Motiven des Lehrens und Lernens einerseits und Lernanlässen andererseits zu bestimmen. Während in formalen Kontexten Lernanlässe geschaffen werden, weil Motive des Lehrens und Lernens erwartet werden, ist es in informellen Kontexten von strukturell bedingten Lernanlässen abhängig, welche Lehr- und Lernmotive überhaupt legitim verfolgt werden können.
Der Beitrag leistet auf Basis des laufenden EU-Projekts SLIC „Sustainable Learning in the Community“ einen Beitrag zur Sichtbarmachung der Verknüpfung zwischen formalem und informellem Lernen sowie freiwilliges Engagement im Alter. Die Motive älterer Lernender werden den strategischen Zielsetzungen der Organisationen gegenübergestellt, die Lern- und Partizipationsmöglichkeiten für ältere Menschen bieten.
Corporate Volunteering findet in der betrieblichen Praxis eine immer größere Verbreitung. Die dabei zumeist informell ablaufenden Lernprozesse finden jedoch nur zum Teil in der Personalentwicklung Beachtung. Der Artikel zeigt auf, welche Kompetenzen bei ausgewählten Formen von Corporate Volunteering entwickelt werden können und welchen Nutzen Corporate Volunteering für unterschiedliche Akteure bietet.
Informellem Lernen wird in Arbeitszusammenhängen immer größere Bedeutung zugemessen. Die hier vorgestellte Methode des Microtraining beschreibt einen Ansatz, informellem Lernen mithilfe von Kurzlerneinheiten eine ansprechende und motivierende Struktur zu verleihen, so dass kooperatives Lernen mit dem Arbeitsalltag verbunden und der Wissensaustausch mit anderen forciert wird. Microtraining unterstützt zielgerichtet das selbstgesteuerte Lernen und befördert somit die gesamte Entwicklung des Unternehmens.
Die Anerkennung des informellen Lernens von Lehrpersonen wird für schulische Lehrprozesse weitgehend unterbewertet. Es sind Instrumente erforderlich, mit denen alle Qualifikationen und Kompetenzen auf dem Weg zum „reflektierenden Praktiker“ erfasst und anerkannt werden können. Das Land Hessen hat ein Projekt aufgelegt, in dem ein dafür erforderliches Instrument entwickelt wird. In dem Beitrag werden die Vorarbeiten wissenschaftlicher Expertise in Beziehung zu den Zielen einer Professionalisierung im Prozess gesetzt. Auf dem Hintergrund einer Portfoliodefinition bilden empirisch ermittelte Erwartungen und Kriterien des Wissens- und Personalmanagements die Folie, auf der ein „Prozess- und Profilportfolio“ zu entwickeln ist.
Die europäische Diskussion um informelles Lernen ist ein zentraler Aspekte der Strategie Lebenslanges Lernen sowie der Anerkennung und Anrechnung von Lernergebnissen. Die Kernfrage lautet dabei: Welche Erfahrungen und Ansätze existieren aus nationaler Perspektive, um die Ergebnisse non-formalen und informellen Lernens sichtbar und für den Arbeitsmarkt nutzbar zu machen? Der Beitrag skizziert neben der Vielfalt in den Ländern auch die Probleme der Erhebung vergleichbarerer und flächendeckender Daten für Europa und verknüpft diese Problemfelder mit den bildungstheoretischen und bildungspolitischen Überlegungen, die mit informellem Lernen verbunden sind.
Ausgehend von einer Skizzierung bildungspolitischer Entwicklungen zur Anerkennung informellen Lernens werden als in der Bildungspraxis wirksam gewordene Ansätze die Europass-Initiative und das ProfilPASS-System vorgestellt. Im zweiten Abschnitt des Beitrages werden als theoretische Bezugspunkte zunächst die Neue Institutionenökonomik und die Bildungsproduktionsfunktion entfaltet, auf die beiden Ansätze bezogen und auf dieser Grundlage weiterführende Überlegungen angestellt.
Ich freue mich sehr, dass ich eingeladen war diese Ausgabe zu begleiten und möchte mich dafür und für die gute Zusammenarbeit bei den Herausgebern der Bildungsforschung bedanken. Darüber hinaus möchte ich darauf hinweisen, dass diese Ausgabe auch erstmalig als Buch zu bestellen ist.
In letzter Zeit wurde ich immer wieder zum informellen Lernen von LehrerInnen angesprochen und ausser den Arbeiten von Maren Heise ist mir immer nicht so sehr viel eingefallen. Dies will ich mal zum Anlass nehmen, um auf eine aktuelle Publikation zu diesem Thema hinzuweisen:
Experienced teachers’ informal learning: Learning activities and changes in behavior and cognition
In der Zusammenfassung heisst es:
In this study on 32 teachers’ learning in an informal learning environment, we analyzed changes in conceptions and behavior regarding students’ active and self-regulated learning (ASL), and relations with the teachers’ learning activities. Few relations were found between observed changes in behavior and learning activities. Changes in conceptions appeared to correlate with the activities obtaining new ideas,
experimenting with new methods, and reflecting on why certain teaching methods seem to be effective and others not. Only one teacher became more ASL-oriented in both behavior and conceptions. The apparent variation in teachers’ informal learning should lead to differentiated support for teacher learning in the workplace.
In ihrer Auswertung kommen die Autoren u. a. zu folgenden praktischen Empfehlungen:
The most important implication of this study is that teachers differ in the way they learn informally within the context of the reform. Support for teacher learning should therefore be differentiated. Those teachers, who are continuously experimenting and collaborating, should be encouraged in their endeavors. Their learning should be facilitated by giving these teachers ample opportunities to interact with peers, to report about their learning and to access resources for learning. As for the teachers who work more isolated and who experience more unexpected events and struggle, we believe these teachers should be able to experiment with new practices in a safe learning environment, where their interpretation of classroom situations is guided and where their immediate concerns are addressed.
Quelle
Hoekstra, A., Brekelmans, M., Beijaard, D. & Korthagen, F. (2009). Experienced teachers’ informal learning: Learning activities and changes
in behavior and cognition, Teaching and Teacher Education, 25 (5), 663-673.
Grafiken und Poster, gerade wenn sie auch visuell ansprechend gestaltet sind, kreisen ja sehr schnell und vielfältig in der Bloglandschaft. Es sei nur an der Poster zum informellen Lernen von Jay Cross erinnert (hier) oder hier die Darstellung von Teemu Arina zum informellen Lernen.
Nun hat Futurelab auch ein paar Poster zum informellen Lernen entwickelt – und diese aber auch (hier) mit ihre Forschungsergebnissen untermauert. Zwar wirken die auf den Postern dargestellten Geschichte (und “Zitate”) für mich manchmal ein wenig zu sehr an den Haaren herbeigezoge, aber dennoch illustrieren sie für Einsteiger und Praktiker sehr gut die Formen informellen Lernen im Erwachsenenalter. Und für alle anderen, die mehr Tiefgang wünschen, gibt es ja dann die Forschungsergebnisse. Tolle Arbeit.
Heute bin ich auf eine spannende Untersuchung zum informellen Lernen von Studierende gestossen. Das Learning & Teaching Institute (LTI) der Sheffield Hallam University (SHU) hat von Oktober 2007 bis Okotber 2008 die informellen Lernerfahrungen von Studierenden untersucht. Die Ziele waren dabei:
(to) develop an understanding of different patterns of informal learning that take place across the institution – for example, how do students use their time on campus between lectures, seminars, and other scheduled activities? how do they use their time outside the institution for informal learning activities?
examine how the institution can support students’ informal learning through effective provision of space, resources, and integrated online and face-to-face activities.
Methodisch basierte die Untersuchung auf drei unterschiedliche Instrumente:
a desk-based review of literature relating to informal learning
use of focus groups and interviews with staff and students; and
a Twitter-based study of students’ informal learning activities.
Die Nutzung von Twitter ist forschungsmethodisch besonders spannend, ist Microblogging doch gerade in aller Munde. Zum Einsatz von Twitter schreiben die Forscher:
In order to develop an understanding of the spaces students use to support their informal learning activities, we decided to use the micro-blogging site Twitter. This method was chosen building on our previous experience of using reflective activity diaries (Aspden & Helm, 2004) which proved to be a valuable way of generating data. We felt that Twitter would combine the power of self-report data with the benefits of short, mobile, instantaneous communications which could be updated from a variety of devices.
Für die Untersuchung wurden 15 Studierende gefunden, von denen 12 auch die Untersuchung beendeten. Die Ergebnisse sind in Form persönlicher Lernszenarien hier beschrieben.
Als deskriptive Studie lesen sich die Berichte schon gut, aber eine Zusammenfassung der Ergebnisse, eine (theoretische) Reflexion und eine Ableitung von Konsequenzen für die Gestaltung von Lehre an Universitäten sucht man (bisher) leider vergeblich.
Unter der Überschrift “Informal Education on Wikipedia” habe ich heute diesen Blogbeitrag gefunden, in dem unter anderem steht:
“I decided to do some research on informal education. When i typed informal education on wikipedia, i only saw a couple of sentences describing my topic. All it said was that informal education is also known as alternative education and just listed some examples of where informal education occurs. I think that wikipedia should have given more explanation for this topic because it is a very important kind of education which most people are unaware about. If i was doing an actual research on informal education, i would definitely not use wikipedia as my resource.”
Ok, die Meinung kann man haben, gleichzeitig möchte man dem werten Forscher zurufen “dann schreib doch was rein!”. Sucht man in Google nach “Informelles Lernen” ist der erste Beitrag (wie so oft) Wikipedia. Der Beitrag ist sicherlich nicht schlecht und wir schauen auch ab und zu mal rein, um falsche Aussagen wieder rauszunehmen. Ansonsten wird die Seite auch sehr gerne genutzt um sich selbst und seine Projekte darzustellen. Manchmal finde ich diese Projekte sehr fragwürdig und sicherlich ist nicht alles was im Artikel steht wirklich relevant. Aber darauf gibt es sicherlich auch verschiedene Blickwinkel. Der gesunde Menschenverstand gehört wohl immer dazu, um aus den Informationen auch was anständiges zu machen.
Wikipedia ist für mich aber nicht nur eine Informationsquelle über informelles Lernen, sondern auch eine Möglichkeit informell zu lernen. Gerade für das iPhone gibt es eine ganze Reihe an Anwendungen, die Wikipedia als Informationressource integriert haben.
… und zur informellen Bildung gibt es im deutschen Wikipedia noch keinen Eintrag! Mal sehen wie lange noch ….
Während der Begiff “Mosaik” im allgemeinen wohl eher mit “Wand- und Deckenpuzzle” assoziiert wird, war es für die Kinder und Jugend der DDR DAS! Comic (neben Atze, Frösi, Trommel und ABC-Zeitung).
Anhand einer Geschichte aus dem Mosaik stellt Dörner dar, wie durch die Charaktere formelles und informelles Lernen gegeübergestellt werden. Er nutzt dabei das Verfahren der dokumentarischen Methode (Bohnsack). Dabei geht es zunächst “um die Rekonstruktion dessen was offensichtlich ist, und dann um die Rekonstruktion des Nicht-Offensichtlichen, dass sich in den Handlungen und Äusserungen dokumentiert” (S. 04-4). Dazu beschreibt Dörner zunächst die Geschichte und geht dann in eine Interpretation der Bilder über. So analysiert er beispielsweise die Darstellung der Figuren in den Bildern zueinander. Dies ist methodisch sehr überzeugend, dennoch wirkt es an manchen Stellen überzogen. So kommt Dörner zu dem Schluss:
“Insgesamt wird planimetrisch die Genese vom Disput zum Konflikt, vom Lehrer-Schüler-Verhältnis in eine Experten-Konstellation sowie die Unvereinbarkeit zweiter Bildungswelten durch das Zusammenspiel Rundlichkeit und Eckigkeit sowie von Dynamik und Statik beschleunigt und dramatisiert.” (S. 04-10).
Das erinnert ein wenig an Kunstunterricht und die nie bestätigte Vermutung, dass die Künstler wohl selbst ein wenig überrascht wären dies zu hören. Aber darum geht es ja vielleicht auch.
Die (verborgene) Botschaft der Geschichte ist ein Konflikt zwischen formalem und informellem Lernen, darstellt durch zwei Charaktere. “Deutlich wird zum einen die formale Bildungswelt, die angreifbar ist und trotz insitutionell-legitimierten Wissen kein Wissensmonopol hat. Zum anderen erweist sich die in der Figut Babrax verkörperte informelle Bildungswelt als entmystifizierendes und monoplobrechendes Element.” (S. 04-6).
Medien informeller Bildung (wie Comics) machen in diesem Sinne für sich selbst Werbung.
Der Artikel vom Schmidhuber beschreibt, wie die Freien Radios in Österreicht informelles Lernen fördern. Dabei geht sie in erster Linie auf die formalen Bildungsangebote ein. Zwar werden die Potentiale informellen Lernes deutlich, jedoch wenig reflektiert.
Quellen
Ralf Bohnsack (2007): Die dokumentarische Methode in der Bild- und Fotointerpretation In: Bohnsack, R./Nentwig-Gesemann, I./Nohl, A.-M. (Hrsg.): Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Barbara Budrich, S. 67-89.
Olaf Dörner (2009): Bildungswelten im Comic. Zum Verhältnis formeller und informeller Bildung Erwachsener in der Comiczeitschrift “Mosaik”. In: MAGAZIN erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs, Ausgabe 6, 2009. Online im Internet: http://www.erwachsenenbildung.at/magazin/09-6/meb09-6.pdf. ISSN 1993-6818. Erscheinungsort: Wien. Veröffentlicht Februar 2009.
Eva Schmidhuber (2009): Freie Radios als informelle Bildungseinrichtungen. Das Projekt “Radiodialoge – Stimmen der Vielfalt”. In: MAGAZIN erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs, Ausgabe 6, 2009. Online im Internet: http://www.erwachsenenbildung.at/magazin/09-6/meb09-6.pdf. ISSN 1993-6818. Erscheinungsort: Wien. Veröffentlicht Februar 2009.
Haben Sie heute schon mit jemandem geredet? Oder gestern? Das ist nichts Besonderes, nicht wahr? Wenn Sie nicht gerade in einer besonders wichtigen oder bedeutungsvollen Situation sind, müssen Sie nicht lange nach Worten suchen; sich überlegen, wie ein deutscher Satz grammatikalisch richtig aufgebaut ist oder was in etwa die angemessene Lautstärke ist, in der Sie mit Ihrem Gesprächspartner reden. Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, wie Sie sich eigentlich durch solche Gesprächssituationen hindurch steuern? Schließlich haben Sie eine Menge Möglichkeiten, Ihre Kommunikation zu gestalten: Da ist erst mal der gesamte sprachliche Bereich mit der Wortwahl, dem Satzbau, Fragetechniken, Argumente, Paraphrasen etc. Und natürlich der paraverbale Bereich mit dem Sprechtempo und -rhythmus, der Artikulation, der Lautstärke, dem Dialekt und Akzent. Und letztlich der nonverbale Bereich mit dem Blickkontakt, der Mimik, Gestik, Körpersprache und Nähe-Distanz-Regulation. Da liegen eine Menge Chancen und Tretmienen zugleich verborgen. Jetzt nochmal meine Frage, etwas konkreter: Wie wissen Sie, wann Sie welchen dieser kommunikativen Paramenter wie einsetzen? Wann stellen Sie eine Frage, wann argumentieren Sie und wann schweigen Sie? Wann sind Sie eher empathisch, wann humorvoll, wann provokativ? Die Antwort ist einfach: Ihr Bauch ist Ihr Lotse durch den Nebel kommunikativer Möglichkeiten und Unwägbarkeiten.
Dieses einfache Beispiel macht mehrere Aspekte der Intuition deutlich:
1) Intuition ist im täglichen Dasein eine wichtige Fähigkeit der Selbststeuerung. Im Beruf genauso wie im Privatleben.
2) Intuition wurzelt teilweise im Erfahrungswissen.
3) Intuition kann ebenso ziel- wie irreführend sein (vermutlich haben Sie auch schon erlebt, dass Ihre Kommunikation nicht den gewünschten Effekt erzielt hat).
Aus der Sicht eines Experten für Professionelle Intuition ist informelles Lernen ohne Intuition nicht denkbar. Um diesen Zusammenhang kurz darzustellen, erlaube ich mir eine vorläufige Arbeitsdefinition, die gewissermaßen zwei Typen des informellen Lernens beschreibt:
Typ 1 – Informelles Lernen als bewusst intendiertes aber selbstbestimmtes Lernen: Der Lernende hat bewusst entschlossen, etwas zu lernen, folgt dafür aber keinem formellen Rahmen. Das Lernen findet vielmehr selbst bestimmt und selbst organisiert statt, selbst dann, wenn es einen Auftrag zum Lernen durch Dritte geben sollte, dem sich der Lernende anschließt. (Sicherlich kann man sich jetzt wieder darüber streiten, ob dies nicht eher „nicht formelles Lernen“ ist. Da wir aber ohnedies offensichtlich über ein Kontinuum reden, passt diese Definition aus meiner Sicht, da wir von einer dichotomen Logik ausgehen: Am einen Polende das formelle am anderen das informelle Lernen.)
Typ 2 – Informelles Lernen als Problemlösung, bei dem das Lernen nicht bewusst intendiert ist: Hier wird das Lernen aus der Sicht des Lernenden eher als Problemlösung oder einfach das Bewältigen einer anstehenden Aufgabe wahrgenommen. Im Vordergrund steht damit nicht das Lernen, sondern die Problemlösung. Das Lernen geschieht gewissermaßen nebenbei. Es ist ein Nebeneffekt, der sich im Laufe der Jahre in Form von Erfahrungswissen niederschlägt.
Die Bedeutung der Intuition für Typ 1: Um sich als Lernender selbst zu steuern, bedarf es der Intuition, denn es gibt keine allgemeingültigen Rezepte oder Handlungsanweisungen, die in jeder Lernsituation eines jeden Lernenden zielführend wären. Der Lernende muss eine Vielzahl von Entscheidungen selbst treffen, die ihm oder ihr nicht durch einen formellen Rahmen wie Curricula oder Trainingsdesigns mit vorstrukturierten Zeitplänen abgenommen werden. Damit muss der Lernende selbst eine Wahl über die Lernumgebung, Lernmethoden und das Lerntempo treffen. Dies wird sich in entsprechenden Präferenzen niederschlagen, die nicht durchgängig rational begründet werden können, sondern vielmehr das Ergebnis eines intuitiven Gespürs für den Lernerfolg sind.
Die Bedeutung der Intuition für Typ 2: Die Lernenden sind gezwungen, intuitiv zu erspüren, ob Sie mit dem aktuellen Vorgehen auf einem erfolgreichen Weg sind, eine Aufgabe oder ein Problem zu lösen. Wenn sich ein Arzt in einem Patientenerstgespräch befindet, kann er aufgrund der Komplexität der Situation nur intuitiv ahnen, ob in der Anamnese alle für die Diagnose relevanten Informationen erhoben worden sind. Oder ob sich gerade eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung entwickelt, die zu einer guten Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient führt. Es gibt keine rationalen, logischen Argumentationsketten oder empirische Belege, um diese zentralen Fragen zu beantworten. Medizinische Laien mögen hoffen, es gebe einfach nur abzuarbeitende Standards, aber dem ist nicht so und wird vermutlich nie so sein. Nur zwei Beispiele: Zwar gibt es Standardfragen, z.B. die nach Vorerkrankungen, laufenden Behandlungen etc. Aber woher weiß der Arzt, ob die Antwort des Patienten auch wahrheitsgemäß ist? Oder ob eine Patientin die Frage des Arztes überhaupt richtig verstanden hat (Zeuch 2008a, b)?
Daraus wird hoffentlich deutlich, dass informelles Lernen und Intuition gewissermaßen ein Traumpaar sind, die sich nicht eben mal schnell wieder von einander trennen, wenn es ein wenig schwierig wird. Beide sind aus meiner Sicht unlösbar miteinander verbunden. Wer informelles Lernen besser verstehen und fördern will, muss sich deshalb auch mit der Funktion und Rolle der Intuition in diesem Zusammenhang auseinandersetzen.
Quellen
Zeuch, A. (2008a): Ärztliche Intuition. Teil 1: Intuition verstehen und als wertvolle Ressource nutzen. Frauenarzt, 49 (3): 280-283
Zeuch, A. (2008b): Ärztliche Intuition. Teil 2: Die eigene Intuition professionalisieren. Frauenarzt, 49(4)Dr. Andreas
Zeuch, Jahrgang 1968, Berater, Speaker, Trainer, Coach, Autor, Podcaster und Forscher mit dem Fokus auf „Intuition und Nichtwissen in Unternehmen“. Mehr hier
“Informelles Lernen und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung”
Was hat informelles Lernen mit Bildung für nachhaltige Entwicklung zu tun?
Sowohl die Debatte um nachhaltige Entwicklung als auch die Diskussion zum informellen Lernen haben in den letzten Jahren eine beachtliche Prominenz erfahren. Der Blick auf die Bedeutung des informellen Lernens für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung ist dabei aber mehr als die Zusammenführung zweier Trends.
So wie Nachhaltigkeit ein Thema ist, das sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche zieht, zeigen sich auch in allen Lebensbereichen Ansatzpunkte für ein Verständnis nachhaltigen Lernens und Handelns. Diesem Umstand wurde durch eine Arbeitsgemeinschaft zum informellen Lernen im Rahmen der UN- Dekade Rechnung getragen, aus der heraus diese Publikation entstanden ist.
Das Konzept des informellen Lernens erweitert die Perspektive: Bildung für nachhaltige Entwicklung als pädagogisches Arrangement wird ergänzt durch Lernmöglichkeiten in Bereichen außerhalb pädagogisch arrangierten und begleiteten Lernens. Durch diesen Blickwinkel werden neue Potenziale für die Bildung für nachhaltige Entwicklung sichtbar, die mit diesem Sammelband aufgezeigt werden sollen.
Aus theoretischer Perspektive als auch anhand von praktischen Beispielen wird der Zusammenhang von informellen Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.
INHALTSVERZEICHNIS
Gerhard de Haan
Vorwort
Michael Brodowski, Ulrike Devers-Kanoglu, Bernd Overwien, Matthias Rohs, Susanne Salinger & Manfred Walser
Einleitung der Herausgeber
Informelles Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung
Bernd Overwien
Informelles Lernen. Definitionen und Forschungsansätze Matthias Rohs
Quantitäten informellen Lernens Harry Neß
Bedingungen für Vergleichsstandards einer Validierung informellen Lernens in Bildung und Beruf Manfred Walser
Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung als Bezugspunkt informellen Lernens Michael Brodowski
Kompetenzerwerb durch informelles – kooperativ/ kollektives Lernen – Aspekte zum Zusammenhang beider Lernformen im Rahmen der UN Dekade BNE
Informelles Lernen im Rahmen der Agenda 21
Edgar Göll
Lokale Agenda 21 und informelles Lernen Ulrike Devers-Kanoglu
Informelles Lernen in kommunalen Partnerschaften zwischen Nord und Süd – lokal und global?
Manfred Walser
Informelles Lernen und nachhaltige Regionalentwicklung am Beispiel der Bodensee Agenda 21 Informelles Lernen im ökologischen Bereich
Susanne Rodemann
Gestaltungskompetenz durch freiwilliges Engagement bei Greenpeace Susanne Salinger
Naturschutz als Motor informellen Lernens Lars Wohlers
Informelle Umweltbildung in Urlaub und Freizeit Norbert Jung
Ganzheitlichkeit in der Umweltbildung: Interdisziplinäre Konzeptualisierung Hans-Joachim Gericke, Jan Deicke und Veronika Luther
Beispiele informellen Lernens in der Umweltbildung
Informelles Lernen in sozialen und gesellschaftlichen Kontexten
Petra Bollweg und Thomas Coelen
Informelles Lernen und soziale Arbeit am Beispiel von Mehrgenerationenhäusern Wiebken Düx und Erich Sass
Kompetenzerwerb Jugendlicher durch ein freiwilliges Engagement Claus J. Tully und Isabelle Krok
Nachhaltiger Konsum als informeller Lerngegenstand im Jugendalltag Alexandra Schmidt-Wenzel
Elternschaft als Lernanlass
Informelles Lernen in wirtschaftlichen Zusammenhängen
Gabriele Molzberger und Matthias Rohs
Informelles Lernen in der beruflich-betrieblichen Weiterbildung – flüchtig oder nachhaltig? Tina Boeckmann
Potenziale von Bio-Höfen als informelle Wissensvermittler im ländlichen Raum Roland Scherer und Manfred Walser
Regionalentwicklung, Wissensmanagement und informelles Lernen
Informelles Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung durch Medien
Maike Tibus und Manuela Glaser
Informelles Lernen mit Massenmedien Ingo Frost und Matthias Rohs
Nachhaltigkeit und Informelles Lernen in der Online – Enzyklopädie Wikipedia
Informelles Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung in Bildungsinstitutionen
Maik Adomßent, Gerd Michelsen, Marco Rieckmann, Ute Stoltenberg
Die „Sustainable University“ als informeller Lernkontext Maren Heise
Informelles Lernen bei Lehrkräften – Forschungsstand und Perspektiven
Brodowski, M, Devers-Kanoglu, U., Overwien, B., Rohs, M., Salinger, S. & Walser, M. (Hrsg.) (2009): Informelles Lernen und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung Beiträge aus Theorie und Praxis. Leverkusen-Opladen: Verlag Barbara Budrich.