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von Matthias Rohs - 14. January 2010
Die Motivation für ein Buch, dass sich mit der Weiterbildung älterer Arbeitnehmer beschäftigt, braucht man nicht näher auszuführen. Angesichts der demographischen Entwicklung nimmt der Umgang mit Alter und älteren Menschen einen zunehmenden Stellenwert in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion ein. Die Habilitationsschrift von Bernhard Schmidt, die sich mit der Weiterbildung älterer Arbeitnehmer unter dem besonderen Fokus des informellen Lernens beschäftigt, ist dabei aber keine unter vielen. Sie bietet eine breit wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem (informellen) Lernen älterer Arbeitnehmer und liefert neue Erkenntnisse in diesem spannenden Forschungsfeld.
Die Forschungsarbeit, die in der Publikation dargestellt wird, entstand im Rahmen des BMBF-geförderten Projekts EdAge, dessen Ergebnisse in Tippelt et al. (2009) veröffentlicht sind. Während das Projekt jedoch die 45-80-jährigen Bundesbürger in den Blick nimmt, fokussiert sich die Forschungsarbeit von Schmidt auf die “noch im Erwerbsleben stehenden bzw. dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Erwachsenen ab einem Alter von 45 Jahren.” (S.5). Die Arbeit fokussiert dabei auf zwei Schwerpunkte. Zum einen richtet sich das Erkenntnisinteresse auf das Bildungsverhalten älterer Erwerbstätiger, wobei nicht nur informelle, sondern auch organisierte Bildungsangebote betrachtet werden. Die Entscheidung für diese umfassende Betrachtung der Bildungsaktivitäten, die zwar dem informellen Lernen besondere Beachtung schenkt, das organisierte Lernen aber ebenfalls berücksichtig, trägt einem neuen, erweiterten Verständnis (beruflicher) Weiterbildung Rechnung. Zum anderen wird die Erfassung von Ziele und Motive, die ältere Erwerbstätige mit ihren Bildungsaktivitäten verbinden, als zentraler Gegenstand der Arbeit genannt (ebd.). Für die Analyse der Ziele bedient sich der Autor eines für die Untersuchung von Bildungsoutcome entwickelten Kapital-Modells, das zwischen Humankapital, sozialem Kapital und Identitätskapital unterscheidet.
Die knapp 400 Seiten umfassende Arbeit gliedert sich in 10 Kapitel. Die ersten vier Kapitel sind dabei als Grundlagenkapitel zu verstehen. In ihnen beschäftigt sich der Autor mit der Stellung und den Entwicklungsaufgaben älterer Menschen in Gesellschaft und Unternehmen (Kap. 1), trägt Forschungsergebnisse zum Lernen älterer Menschen zusammen (Kap. 2), setzt sich mit dem Begriff, der Bedeutung und den Möglichkeiten zur Förderung informellen Lernens auseinander (Kap. 3) und stellt das erwähnte Kapital-Modell vor (Kap.4). Die Kapitel 5-8 widmet der Autor dem empirischen Teil der Arbeit. Diese gliedern sich analog zum Forschungsdesign, das in Kapitel fünf vorgestellt wird, in “Standardisierte Repräsentativbefragung” (Kap. 6), “Gruppendiskussion” (Kap. 7) und “Qualitative Interviews” (Kap. 8). Die abschliessenden Kapitel dienen schliesslich der Diskussion der Ergebnisse (Kap. 9) und dem Ausblick (Kap. 10).
Die Grundlagenkapitel sind zeichnen sich durch eine sorgfältige und umfassende Recherche aus und sind durch die reflektierte Bewertung der vorliegenden Forschung mehr als eine blosse Darstellung des Status Quo. Dies trifft insbesondere auf die Auseinandersetzung mit dem informellen Lernen zu. Schmidt beschränkt sich dabei nicht allein auf quantitative Betrachtungen, sondern rückt die “Frage nach einer qualitativen Veränderung (des Lernens, A.d.V.) durch die Bewusstmachung der Bedeutung informellen Lernens und der damit verbundenen Möglichkeiten.” (S. 116) in den Mittelpunkt. Besonders ergiebig für die weitere Diskussion erscheint mir die Betrachtung unabhängiger Variablen für das informelle Lernen, die, wo empirische Ergebnisse vorliegen, für die Gruppe Älterer/ älterer Arbeitnehmer vorgenommen wird. Wie schon anfangs angedeutet, ist die Betrachtung des informellen Lernens dabei nicht als Gegenüberstellung zum organisierten Lernen zu verstehen. “Organisiertes Lernen schafft durch die Vermittlung von Lernkompetenz erst die Voraussetzung für informelle Lernaktivitäten und kann die Begrenztheit informellen Lernens durch verfügbare Lern- und Erfahrungsräume sowie fehlende Distanz zum Lerngegenstand aufbrechen.” (S.138).
Die Betrachtung der Grundlagen verweist auf zahlreiche offene oder bislang nur teilweise beantwortete Forschungsfragen, aus denen Schmidt, ausgehend von den Zielen der Arbeit, ein knappes Dutzend für die empirische Untersuchung auswählt. Sie richten sich auf Weiterbildungsverhalten und -interessen, das informelle Lernen sowie Bildungsziele älterer Erwerbstätiger. Zur Beantwortung dieser Fragen wählt der Autor ein Forschungsdesign mit den schon erwähnten drei Elementen; Repräsentativbefragung, Gruppen- und Tiefeninterviews. Im Gegensatz zu zahlreichen Forschungsdesign, die eine Sequenzialität qualitativer und quantitativer Methoden ausweisen, hat sich Schmidt für eine teilweise Parallelität entschieden, um “eine effektive Nutzung des erkenntnistheoretischen Potentials beider Forschungstraditionen” (S. 192) zu nutzen. Konkret wurden auf Basis leitfadengestützter Experteninterviews und vorliegender Forschungsergebnisse die Fragebatterien für die Repräsentativbefragung abgeleitet. Für die tiefergehende Beschreibung besonderer Untergruppen (”für die spezielle Bildungsinteressen und -motive zu erwarten waren” S. 193), wurden qualitative Gruppendiskussionen (16) durchgeführt. Die Ergebnisse der Gruppendiskussionen und der Repräsentativbefragung dienten als Basis für die Tiefeninterviews (74, wovon 21 nach dokumentarischer Methode ausgewertet wurden). Für die Repräsentativbefragung wurden Daten einer Untersuchung der 45 bis 65-jährigen Erwerbsbevölkerung (n=3086) bzw. Erwerbstätigen (n=2012) ausgewertet.
Das Ergebnis der Untersuchung ist eine differenzierte Typenbildung, die Pauschalisierungen über Lerngewohnheiten älterer Erwerbstätiger entgegensteht. Auch wenn es angesichts des Umfangs der Ergebnisse nur willkürlich sein kann einzelne Aspekte herauszugreifen, so möchte ich doch auf einige Erkenntnisse hinweisen. So kommt Schmidt zu dem Schluss, dass insgesamt davon auszugehen ist, dass eher von Personen mit generell hohem bzw. geringem Aktivitätsgrad auszugehen ist, wobei Personen mit hohem Aktivitätsgrad sowohl formelle als auch informelle Lernmöglichkeiten eher nutzen als Personen mit niedrigem Aktivitätsgrad (vgl. S. 315). Das Alter, und dies ist wohl am erstaunlichsten, sagt dabei wenig über die Bildungsziele und -interessen aus, was die Betrachtung des Lernens Älterer ad absurdum führt.
Vielmehr sind Variablen wie Erwerbsstatus, berufliche Position, die schulische und berufliche Erstausbildung geeignet, auch wenn sie keine hinreichende Differenzierungskriterien sind (vgl. S. 355). Zudem zeigte sich, dass “zwar auch außerhalb des Betriebs informell gelernt wird, dass aber Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung den Ausschluss von dem wichtigen Feld beruflicher Kompetenzentwicklung bedeutet” (S. 316 mit Verweis auf Boud & Garrick 1999). “Als wesentliches außerberufliches informelles Lernfeld erweisen sich über alle Bildungs- und Sozialgruppen hinweg Reisen.” (S.325). (Siehe in diesem Zusammenhang auch Rezension von Buck 2005).
Dieses Buch ist ab sofort zu den Grundlagenwerken in der Beschäftigung mit dem (informellen) Lernen älterer Erwerbstätiger zu rechnen. Insbesondere durch die Einbeziehung informellen Lernens wird eine wesentliche Erweiterung der vorliegenden Forschungsarbeiten vorgenommen. “Weiterbildung und informelles Lernen älterer Arbeitnehmer” gehört zu dem Besten, was in diesem Bereich im deutschsprachigen Gebiet publiziert wurde. Der einzige Makel der Publikation liegt darin, dass sie nur in deutsch vorliegt, und somit die Rezeption und Wahrnehmung eingeschränkt bleiben wird. Dabei bieten gerade solche Publikationen die Möglichkeit, auch international das Renomee der deutschen Bildungsforschung zu steigern.
Fussnote:
Unklar ist der genaue Name des Autors. Während das Buch den Autor Bernhard Schmidt auszeichnet, steht in der Buchinformation wie auf der persönlichen Website der Universität München Schmidt-Hertha.
Quelle
Buck, D. (2005). Touristische Gastfreundschaft in “good old Germany” – Wahrnehmungen touristischer Dienstleistungen durch US-amerikanische Gäste. Münster: Waxmann.
Schmidt, B. (2009). Weiterbildung und informelles Lernen älterer Arbeitnehmer: Bildungsverhalten. Bildungsinteressen. Bildungsmotive. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
Tippelt, R., Schmidt, B., Schnurr, S., Sinner, S. & Theisen, C. (2009). Bildung Älterer – Herausforderungen des demografischen Wandels. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.
Veröffentlicht unter Berufssbildung, Untersuchungen, Veröffentlichungen, Weiterbildung
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von Matthias Rohs - 8. January 2010
Im headz-Blog hat Mandy Schiefner die “Timeline of Education 1657-2045“, worauf hin Frank Calberg im Kommentar auf die Prognose für 2023 aufmerksam gemacht hat:
„Schools reach an enrollment crisis when shifts in demographics and an increase in competition from non-formal and informal modes of education begin diverting pupils from formal educational organizations. The nation is shocked when the New York City Department of Education announces it is closing down 80% of its schools.”
Eine interessante Hypothese. Meinen Kommentar darauf habe ich im headz-Blog geschrieben.
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von Matthias Rohs - 4. January 2010
Heute landete das Buch “E-Learning in Hochschule und Weiterbildung” (Holten & Nittel 2010) auf meinem Schreibtisch. Auf der Heimfahrt habe ich dann den Beitrag von Ralf Appelt “Einsatzpotenziale von (Micro)Blogging in der Weiterbildung” gelesen, weil dort über den Einsatz von Blogs in formellen und informellen Lernszenarien geschrieben wird.
Schön beschreibt Appelt die unterschiedlichen Formen von Blogs und geht auf verschiedene Einsatzszeanarien für die persönliche Nutzung, als auch die Nutzung in organisierten Lernkontexten ein und beschreibt Motivationen für den Einsatz aus Perspektiven von Organisationen, Anbieter (Lehrende) und Teilnehmer. Vor diesem Hintergrund ist es ein lesenswerter Überblicksartikel, insbesondere für Einsteiger in das Themenfeld. Der Beitrag trägt dem (Unter)Titel des Herausgeberbandes somit voll Rechnung.
Die Behandlung des (in)formellen Lernen bleibt mir doch zu oberflächlich und zu wenig strukturiert. So gibt es keine Definition informellen Lernens, auf die sich der Autor bezieht, wodurch auch die vorgenommen Unterscheidung in formelle und informelle Lernkontext unklar bleibt. Nicht weiter eingegangen wird auch auf die formulierten Thesen, dass formelles und informelles Lernen ineinander übergehen bzw. informelles Lernen in formelle Lernprozess integriert wird. Dies könnte anhand der vorgestellten Beispiele geschehen, bleibt aber aus. Vermisst habe ich zudem neben der Beschreibung der Nutzung die konkrete Auseinandersetzung mit den Lernpotenzialen. Zwar wird beschrieben was mit Blogs gemacht werden kann, wie aber konkret gelernt werden könnte, kommt für mich zu kurz. Bezüglich der Auseinandersetzung mit dem informellen Lernen bleibt der Artikel damit an der Stelle stehen, wo es interessant wird. Damit ist der Artikel nicht schlecht, bietet aber für die Auseinandersetzung mit dem informellen Lernen wenig Potenzial.
PS: Dass Ralf Appelt was von Blogging versteht, sieht man auch an seiner Website. Unbedingt besuchen, sowohl wegen Inhalt als auch Gestaltung http://appelt.net/ Hier findet man auch einen Verweis auf seine Linksammlung zum informellen Lernen.
Quelle
Appelt, R. (2010). Einsatzpotenziale von (Micro)Blogging in der Weiterbildung, In R. Holten & D. Nittel (Hrsg.), E-Learning in Hochschule und Weiterbildung: Einsatzchancen und Erfahrungen (S. 147-162). Reihe Erwachsenenbildung und lebensbegleitendes Lernen, Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag
Veröffentlicht unter E-Learning, Hochschule, Veröffentlichungen, Weiterbildung
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von Matthias Rohs - 28. December 2009
Klaus Schleicher, emeritierter Professor für Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, hat nach der Monographie “Zur Biographie Europas: Identität durch Alltagshandeln” (2007) mit “Lernen im Leben und für das Leben” ein zweites Buch im Krämer Verlag veröffentlicht, dass sich nun systematischer mit dem informellen Lernen beschäftigt.
Das Buch gliedert sich neben Einleitung und Ausblick in sieben Kapitel: (1) Wahrnehmung des informellen Lernens, (2) Eingrenzungen und Potentiale des informellen Lernens, (3) Historische und internationale Entwicklung, (4) Bedeutung von Werteinstellungen, (5) Zertifizierung von informellem Lernen, (6) Vernetzung von Lernkontexten, (7) Bildungspolitische und didaktische Herausforderungen. Jeweils zu Beginn jedes Kapitels werden grundlegende Fragen an das Kapitel formuliert.
Schleicher nennt als Ziel seines Buches “Anregungen zur theoretischen und praktischen Folgerungen für eine Steigerung individueller Kompetenzen und Selbststeuerungen, aber auch für ein erweitertes gesellschaftliches und europäisches Bildungsengagement zu bieten.” (S. 17).
Das Buch bietet eine fundierte Einordnung der Bedeutung informellen Lernens, sowohl aus einer historischen, pädagogisch-normativen als auch methodischen Perspektive. Auf der Grundlage breiten fachlichen Sachverstands stellt Schleicher zahlreiche Bezüge zwischen dem informellen Lernen und anderen pädagogischen und didaktischen Diskussionen her. Dies ist für einen Überblick zur Einordnung informellen Lernens sehr wertvoll, teilweise fehlt dem Buch trotz vieler Zusammenfassungen jedoch die Systematik und Darstellung, die bei der Erschliessung dieser vielfältigen Beziehungen und Gedanken hilft.
Schleicher fokussiert sich bei der Darstellung vor allem auf den Bereich der Berufsbildung und dem Lernen mit Medien. Während er den ersten Bereich sehr fundiert auch im internationalen Vergleich darstellt, fehlt mir bei der Behandlung des Medienthemas die fachliche Tiefe der Diskussion. Dies kann auch nicht Anspruch dieser Überblicksdarstellung sein, als Schwerpunkt des Buches fällt es jedoch hinter anderen Themen (z.B. Zertfizierung) zurück.
Positiv fällt die breite (auch englischsprachige) Rezeption der Literatur zum Thema auf, die sich zudem duch hohe Aktualität auszeichnet. Zur Darstellung der Grundlagen bezieht sich Schleicher dabei stark auf zwei Diplomarbeiten (Wurm 2007 und Stegemann 2008), deren Qualität ich nicht einschätzen kann.
Kritisch anzumerken ist in erster Linie die Umsetzung des Buches. Sowohl für Text (Schreibfehler, uneinheitliche Formatierungen) als auch Grafiken (unleserlich, überkomplex) wäre ein Lektorat hilfreich gewesen. Das Buch verliert dadurch sehr am professionellen Eindruck.
Ohne Frage handelt es sich bei “Lernen im Leben und für das Leben” um ein Buch, das neue Impulse für die wissenschafliche als auch bildungspolitische Diskussion zum informellen Lernen gibt. Schleicher erdet die Auseinandersetzung zum informellen Lernen in Deutschland sowohl historisch, als auch im internationalen Vergleich. Damit leistet er einen wesentlichen Beitrag, die Auseinandersetzung zum informellen Lernen auf eine sachliche Ebene zurückzuholen und Chancen, Risiken und Potentiale richtig einzuschätzen.
Aufgrund der zahlreichen Facetten des informellen Lernens, die in diesem Buch angesprochen werden, hält es für jeden Leser etwas bereit. Gleichzeitig überfordert es dadurch aber auch teilweise, weil die Darstellung der inhaltlichen Dichte und Komplexität nicht entspricht. Das Buch geht damit einen sehr problematischen Spagat, da es auf der einen Seite für die Wissenschaft zwar interessant ist, aber in den Spezialbereichen dann doch nicht tief genug geht. Auf der anderen Seite verschenkt es aus den genannten Gründen das hohe Potential als Buch für den Einstieg und Überblick zum informellen Lernen. Dennoch sei es aufgrund des hohen inhaltlichen Niveaus allen Interessierten sehr empfohlen.
Quellen
Schleicher, K. (2009). Leben im Leben und für das Leben: Informelles Lernen als Zukunftsaufgabe. Hamburg: Krämer Verlag.
Schleicher, K. (2007). Zur Biographie Europas: Identität durch Alltagshandeln. Hamburg. Krämer Verlag.
Stegemann, A. (2008). Informelles Lernen. Identifizierung, Bewertung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen. Hamburg: Diplomica.
Wurm, S. (2007). Informelles Lernen: Ein Überblick. Hamburg: Diplomica.
Veröffentlicht unter Berufssbildung, Bildungspolitik, Veröffentlichungen
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von Matthias Rohs - 23. December 2009
Allen Leserinnen und Lesern, Kolleginnen und Kollegen, Freunden und Bekannten ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
Matthias Rohs
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von Matthias Rohs - 11. December 2009
Nicht alle Informationen zum informellen Lernen lassen sich hier in diesem Blog einbringen. Daher habe ich noch zwei Hinweise:
Zum einen twitter ich regelmässig kleine Informationen, für die sich ein Blogbeitrag nicht lohnt, unter diesem Account http://twitter.com/2_headz
Zum anderen habe ich eine öffentliche Netvibes-Seite eingerichtet, mit ein paar Feeds zum informellen Lernen (Literatur, Blogbeiträge etc. http://www.netvibes.com/mrohs
Viel Spass dabei
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von Matthias Rohs - 11. December 2009
Das CEDEFOP (The European Centre for the Development of Vocational Training (Cedefop) is the European Union’s reference centre for vocational education and training) hat Europäische Richtlinien zur Bewertung non-formallen und informellen Lernens veröffentlicht. Die Publikation beleuchtet die Bedeutung der Thematik europäischer, nationaler, organisationaler und individueller Ebene und versucht sowohl die aktuelle Diskussion zu konsolidieren, als auch Empfehlungen für die Umsetzung zu geben (u.a. Checklisten). Folgende Übersicht fand ich dazu noch sehr interessant.

CEDEFOP 2009, S. 19
Quelle
CEDEFOP (2009). European Guidelines for Validating Non-Formal and Informal Learning. Luxembourg: Office for Official Publications of the European Communities. Online http://www.cedefop.europa.eu/etv/Upload/Information_resources/Bookshop/553/4054_en.pdf
Veröffentlicht unter Anerkennung, Bildungspolitik
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von Matthias Rohs - 6. December 2009
Ohne dass es Intention gewesen wäre, häufen sich in letzter Zeit die Renzensionen in diesem Blog. Ob dies nun als Hinweis auf eine Zunahme der Publikationen im Bereich des informellen Lernens zu werten ist oder andere Gründe hat, kann ich nicht sagen. Nachdem ich hier nun auf die letzte von drei Publikationen aus der Reihe “Berufsbildung, Arbeit und Innovationen” des W.Bertelsmann Verlags eingehe, muss ich feststellen, dass schon wieder drei Bücher auf meinem Tisch liegen: Klaus Schleicher “Lernen und Leben für das Lernen”, Berhard Schmidt “Weiterbildung und informelles Lernen älterer Arbeitnehmer” sowie der Herausgeberband “Theorie und Praxis der Kompetenzfeststellung” von Dieter Münk und Eckart Severing. Aber nun zunächst zur Dissertation von Thomas Schröder, für deren Vorstellung hier ähnliches gilt wie bereits an dieser Stelle geschrieben.
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Zu einer der aktuell größten Herausforderungen der beruflichen Bildung gehört der Umgang mit der hohen Dynamik beruflich relevanten Wissens. Dies trifft für die Weiterbildung mehr zu als für die Ausbildung und ist in den wissens- und forschungsintensiven Diensleistungs- und Produktionsbereichen mehr spürbar als im Handwerk. Gänzlich unbetroffen von dieser Entwicklung ist jedoch kein Berufsfeld. Als Lösungsansatz wird vor allem eine stärkere Verbindung von Lernen und Arbeiten gesehen, die in den letzten Jahren zu einer Renaissance von Methoden und Konzepten für das Lernen im Prozess der Arbeit geführt hat. Der Entwicklung inhärent ist die Gefahr einer zu stark funktionalen Ausrichtung der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Daher muss die Qualität von entsprechenden Methoden für das Lernen im Arbeitsprozess auch daran gemessen werden, inwieweit sie konkreten Praxisbezug und nachhaltige Kompetenzentwicklung miteinander verbinden.
Die Dissertation von Thomas Schröder thematisiert mit Arbeits- und Lernaufgaben eine zentrale Lernform für das Lernen im Prozess der Arbeit. Arbeits- und Lernaufgaben zählen zu den aufgabenbezogenen Lernformen und verbinden gezielt konkretes Arbeitshandeln mit der Reflexion der Arbeitsgestaltung und -organisation (S. 231). Definitorisch grenzen sich Arbeits- und Lernaufgaben von den Lern- und Arbeitsaufgaben dadurch ab, dass Arbeits- und Lernaufgaben auf die betriebliche Arbeit und das informelle Lernen fokussieren, während bei Lern- und Arbeitsaufgaben das Lernen zentral ist und die Arbeit entsprechend gestaltet wird. Beide Lernformen haben jedoch zum Ziel formelles und informelles Lernen an der Schnittstelle zwischen Arbeiten und Lernen zu verbinden (S. 153).
Die zentralen Fragestellungen der Arbeit richten sich auf die theoretische Konzeption, sowie die Entwicklung, Implementierung und den Einsatz von Arbeits- und Lernaufgaben in der Praxis beruflich-betrieblicher Weiterbildung. Dazu werden zunächst Entwicklungstendenzen der beruflich-betrieblichen Weiterbildung aufgezeigt (Kapitel 2), bevor näher auf die Theorie und Praxis aufgabenbezogener Lernformen in der Berufsbildung eingegangen wird. Dabei werden zum einen vorliegende konzeptionelle Ansätze rezipiert und Unterschiede herausgearbeitet, als auch aufgabenbezogene Lernformen in Modellversuchen analysiert (Kapitel 3). Hervorzuheben ist dabei eine kritische Würdigung von Konzepten in der beruflichen Erstausbildung in der DDR – ein Bereich, der im Blickfeld vieler Wissenschaftler der Berufsbildung oft ausgeblendet ist.
Das 4. Kapitel behandelt als zentralen Untersuchungsgegenstand die Entwicklung und Erprobung einer Arbeits- und Lernaufgabenkonzeption im Entwicklungs- und Forschungsprojekt ITAQU – Informationstechnologie und arbeitsprozessorientierte Qualifizierung – und stellt die empirischen Ergebnisse des Projekts vor.
ITAQU ist in einer Reihe von Projekten zu sehen, die sich mit der Umsetzung und methodischen Ausgestaltung des IT-Weiterbildungssystems nach dem Ansatz der Arbeitsprozessorientierten Weiterbildung (APO) gewidmet haben. Die IT-Weiterbildung stellt aufgrund der rasanten technischen Entwicklung ein Bereich dar, der hohe Anforderungen an die Aktualität und die Praxisrelevanz der Weiterbildungsinhalte stellt, gleichzeitig aber auch grundlegendes Rüstzeug für den stetigen Wandel vermitteln muss. Die Verbindung formellen und informellen Lernens ist dafür eine wesentliche Voraussetzung.
Im folgenden Kapitel wird als Ergebnis der Forschungsarbeit der konzeptionelle Ansatz von Arbeits- und Lernaufgaben für die beruflich-betriebliche Weiterbildung vorgestellt, wobei sowohl die theoretische Basis gelegt, als auch auf Aspekte der praktischen Umsetzung eingegangen wird.
Im abschließenden Kapitel werden Wirkpotenziale, als auch mögliche Defizite von Arbeits- und Lernaufgaben besprochen, sowie auf Forschungsperspektiven und –desiderate eingegangen.
Die Bedeutung der Arbeit von Schröder liegt in der systematischen Aufbereitung des Status Quo aufgabenbezogener Lernkonzepte und der anforderungsbezogenen Weiterentwicklung als Arbeits- und Lernaufgabe vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in der Berufsbildung und Erkenntnissen der Berufsbildungsforschung. Dabei bietet die Publikation sowohl eine gute Übersicht für Experten, als auch einen guten Einstieg in die Thematik für Personen mit strategischer oder konzeptioneller Verantwortung im Bereich der Berufsbildung. Das Buch bietet aber auch eine für Dissertationen eher untypische Konkretisierung der praktischen Umsetzung und Einbettung der entwickelten Methode.
Für die Forschung zum informellen Lernen hat die Arbeit vor allem einen praktischen Wert. Arbeits- und Lernaufgaben verbinden formelles und informelles Lernen, indem sie dem informellen Lernen eine (aufgabenbezogene) Struktur geben, sowie die Reflexion praktischer Erfahrungen anregen und unterstützen. Sie fördern darüber hinaus die Explikation des informellen Lernerfolgs und die Herstellung von Bezügen zwischen praktisch und theoretisch erworbenem Wissen. Besonders hervorzuheben ist darüber hinaus die intendierte Wirkung der Arbeits- und Lernaufgaben auf die Verbesserung der Lernförderlichkeit des Arbeitsplatzes, was zu einer nachhaltigen Förderung informeller Lernprozesse auch über die konkrete Maßnahme der Aus- bzw. Weiterbildung beiträgt.
Neben den im Abschlusskapitel genannten Desidertaten, wie der Erforschung von Arbeits- und Lernaufgabensystemen oder der Wechselwirkungen mit anderen Lernformen und Qualifizierungselementen wäre meines Erachtens für eine bessere Einschätzung des Potenzials der Methode ein breiter Erfahrungshintergrund außerhalb der IT-Branche wünschenswert. Auch die Erprobung außerhalb der Rahmenbedingungen geförderter Modellversuche wäre für Rückschlüsse auf die praktische Relevanz des Ansatzes von Interesse. Dies liegt jedoch in der weiteren Rezeption des Arbeits- und Lernaufgaben durch Praxis und Forschung.
Quelle
Schröder, Thomas (2009). Arbeits. und Lernaufgaben für die Weiterbildung. Eine Lernform für das Lernen im Prozess der Arbeit. Reihe Berufsbidlung, Arbeit und Innovation. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.
Veröffentlicht unter Veröffentlichungen, Weiterbildung
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von Matthias Rohs - 22. November 2009
Wenn das informelle Lernen mit digitalen Medien thematisiert wird, kommt man aktuell nicht um Isa Jahnke herum, die eine ganze Reihe von Beiträgen zu diesem Thema veröffentlicht hat. Drei von diesen Artikeln (siehe Quellen) habe ich jetzt gelesen.
Alle Drei behandeln im Wesentlichen die theoretischen Grundlagen sozio-technischer Communities und den Erfahrungen aus dem Einsatz solcher Communities im universitäten Kontext. Thematisiert werden dabei die Möglichkeiten der Integration informeller Lernwege in formale Universitätsstrukturen. In Jahnke & Mattick (2008) wird dabei vor allem das konkrete Vorgehen der Etablierung und Entwicklung der Community in universitäre Strukturen angesprochen. Dies ist auch Fokus von Jahnke (2009b), wobei hier der Fokus stärker auf den empirischen Daten gelegt wird.
Am besten gefallen hat mit aber – bei allen Überschneidungen der drei Artikel – der Beitrag aus der IWP, da er empirische etwas breiter angelegt istt und (etwas mutiger) auf mögliche Konsequenzen eingeht und Empfehlungen zur Kultivierung von Communities gibt. Besonders interessant fand ich in diesem Beitrag eine Übersicht zu do’s und dont’s der Unterstützung des Informellen:

Alle Artikel sind Online verfügbar und sehr lesenswert.
Quellen
Isa Jahnke (2009a): Das Informelle ist das Besondere. Veränderung formaler Strukturen in Organisationen durch neue Medien. In: Information, Wissenschaft, Praxis (IWP) 60 (2009) Nr. 4. S. 189-196.
Isa Jahnke (2009b): Socio-technical Communities: From Informal to Formal?. In: B. Whitworth, A. de Moor (Eds.). Handbook of Research on Socio-Technical Design and Social Networking Systems. Hershey (PA): Information Science Reference, IGI Global Publisher. Chapter L. pp. 763-778.
Isa Jahnke / Volker Mattick: (2008): Integration informeller Lernwege in formale Universitätsstrukturen: Vorgehensmodell Sozio-technische Communities. In: S. Zauchner, P. Baumgartner, E. Blaschitz, A. Weissenbäck (Hrsg.): Offener Bildungsraum Hochschule. Konferenzband der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft, GMW 2008. Münster u.a.: Waxmann Verlag. S. 192-203.
Veröffentlicht unter E-Learning, Hochschule, Untersuchungen
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von Matthias Rohs - 16. November 2009
Wie bei der Rezension von Jessica Blings angedeutet, liegen bei mir noch zwei weitere Bücher oder besser gesagt Dissertationen auf dem Tisch, die zumindest teilweise das informelle Lernen behandeln.
Wenn ich Rezensionen schreibe, so entweder über Bücher oder Artikel, deren Autoren ich nicht kenne bzw. zu denen ausreichend emotionaler Abstand besteht, so dass ich mich nicht in meiner Kritik befangen fühle. Anderfalls, und dies ist hier der Fall, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich diese Buchbesprechung nicht als neutrale Rezension verstehen möchte, sondern als Buchvorstellung.
Die Dissertation von Friederike Fahr entstand bei Prof. Knoll an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, wurde aber ebenfalls im Kolloquium von und durch Prof. Dehnbostel (Universität der Bundeswehr Hamburg) begleitet, in dem ich auch beteiligt war.
Die Arbeit von Friederike Fahr beschäftigt sich mit der “lernförderlichen Gestaltung von Arbeit einer produktionsintensiven Organisation” sowie mit der “Gestaltung und Unterstützung der Übergänge zwischen dem formellen Lernen in der betrieblichen Weiterbildung und dem informellen Lernen im Prozess der Arbeit.” (S.8) Ich werde mich in der Ergebnisdarstellung im Wesentlichen auf die Aspekte zum informellen Lernens fokussieren.
Aufällig an der Publikation ist auf den ersten Blick, dass sie mit 450 Seiten dicker ausfällt als andere Disserationen. Allein 250 Seiten beschäftigen sich mit der Auswertung der Fallstudie, die sich in Vorstudie, Dialogstudie, Konzeptstudie und Hauptuntersuchung aufteilt. Ziel der Vorstudie war es, die Rahmenbedingungen und Wechselwirkungen des Lernens im Prozess der Arbeit zu erfassen und das in der Theorie entwickelte Kontextsmodell zu überprüfen. Diese Kontextmodell geht davon aus, das Lernen im Prozess der Arbeit durch die Kontextbedingungen der Tätigkeit, der Beteiligung, der Arbeisumgebung und der Kommunikation bestimmt sind (vgl. S. 13). Hier bin ich zum ersten Mal auf ein mir bekanntes, aber durch das Zitat sehr plastisch gewordenen Sachverhalt aufmerksam geworden. Da heisst es, dass die Tätigkeit in der Montage so leicht gestaltet werden muss, dass sie auch unkonzentriert auzuüben ist. Denn wer schafft es schon, sich eine ganze Schicht zu konzentrieren. Wenn dies das Ziel ist, so stellt sich die Frage, wo hier überhaupt Lernen stattfinden kann. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Fazit der Vorstudie heisst:
“Veränderungs- und Lernprozesse werden nicht mit der Tätigkeit am Montageband in Verbindung gebracht. Diese Tätigkeit ist an sich nicht lernhaltig. Zudem wird Lernen sogar als hinderlich für eine reibungslose Produktion gesehen. Herausforderungen und Lernen in der Tätigkeit sollen ausgeschlossen werden, da das daraus folgende Nachdenken und Reflektieren über die Arbeit den Produktionsprozess verzögern könnte. Außerdem kann zuviel Wissen zur Demotivation der Mitarbeiter am Band führen, vor allem, wenn konkrete Anwendungsmöglichkeiten fehlen.” (S.158)
Damit scheint alles gesagt und das, was man weiss bestätigt. Doch es geht weiter:
“In der Mitarbeitenden Beobachtung (sic!) und unterstützt durch die Interviewaussagen, lassen sich in der Produktionsarbeit jedoch eine Vielzahl lernhaltiger Situationen, Tätigkeiten und auch Kommunikationsformen in der produktionsintensiven Arbeit feststellen.” (S. 158)
Um diese wirksam werden zu lassen, ist vor allem Eigeninitiative und die Unterstützung durch den Vorgesetzten von Bedeutung.
Die Dialogstudie hat zu Ziel, die Wahrnehmung der Mitarbeiter und Führungskräfte auf das Lernen im Prozess der Arbeit aufzunehmen. Hierbei kommt Friederike Fahr zu der Erkenntnis, dass die zur Verfügung stehende Zeit im Sinne von Freiräume, wichtigste Rahmenbedingung für das Lernen ist (S. 175). Dies fand ich ein interessantes Ergebnis, weil sich auch in meiner Arbeit die Zeit als Dreh- und Angelpunkt vieler Lernprozesse in der Arbeit herausstellte. Eine genauere Untersuchung der Zeit als Kriterium der Lernförderlichkeit oder besser -möglichkeit im Prozess der Arbeit wäre eine spanndende Forschungsaufgabe. Mich würde es aber eigentlich wundern, wenn es dazu noch nichts gibt.
In der Konzepstudie schliesslich geht es u.a. um die Herausarbeitung und Darstellung der Leitideen zur Unternehmens- und Lernkultur und spätestens an dieser Stelle bekommt man einen Eindruck von der Vielschichtigkeit der Arbeit – denn zu meinem eigentlichen Interesse bin ich noch nicht vorgestossen. Daher lasse ich auch die nächsten 200 Seiten unberücksichtigt und komme direkt zum Kapitel 5.4.3.7 Formelles und informelles Lernen.
Schon an der Kapitelhierarchie wird deutlich, dass das Thema dann doch nicht ganz so präsent ist, wie es vielleicht in den zentralen Fragestellungen erscheint – auch wenn es implizit sicherlich an vielen Stellen eine Rolle spielt.
Das Kapitel beginnt mit Aussagen der Interviewpartner zur Begriffsklärung, wobei deutlich wird, dass formelles Lernen der Aneignung von Grundlagenwissen zur Beherrschung der praktischen Arbeit ist – Gleichzeitg aber nicht allein dazu befähigt (S. 363). Informelles Lernen ist die Anwendung des Gelernten in der Praxis, das Üben und das Sammeln von Erfahrung. Auch an dieser Stelle verweist Fahr darauf, dass aus Sicht der Führungskräfte die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden für die Wahrnehmung informeller Lernchancen zentral ist.
Bezüglich des Verhältnisses formellen und informellen Lernens kristallisierten sich aus der Untersuchung zwei Blickrichtungen heraus:
a) “Man braucht ein Grundlagen- und Orientierungwissen, um sich in der Welt und in der Arbeit zurechtzufinden, um in konkreten Situationen angemessen reagieren und sich darauf aufbauend weiterentwickeln zu können.” (S. 365)
b) “Lernen vollzieht sich im Tun, in konkreten Handlungen und der aktiven Suche nach Problemlösungen und neuen Handlungsalternativen. (…) Wenn in formalen Lerneinheiten konkrete Bezüge und individuelle Verankerungen zu Arbeitssituationen bzw. möglichen Problemstellungen in der Arbeit möglich werden, kann sich auch hier Lernen vollziehen.” (S. 365)
D.h. Formelles Lernen schafft das Grundlagenwissen für den informellen Erwerb von Erfahrungswissen in der Arbeit. In der Arbeit können sich aber auch wieder Lernbedarfe zeigen, die dann in formalen Settings befriedigt werden. Grundlagenwissen ohne Anwendungsmöglichkeit ist nutzlos. “Lernen vollzieht sich erst vollständig in konkreten Anwendungssituationen” (S. 367) Für die konkrete Gestaltung der Arbeit bedeutet dies die Schaffung entsprechender Möglichkeiten, das formal erworbene Grundlagenwissen auch anzueignen. Damit sind auch die Führungskräfte angesprochen, denen mehr “Aufmerksamkeit, Flexibilität bzw. Offenheit für (neue) Denkweisen” abverlagt wird (S. 369) Aber auch den Trainern und ihrer Fähigkeit inhaltlich wie motivational Bezüge zwischen formellem und informellen Lernen herzustellen, kommt eine grosse Bedeutung zu. damit möchte ich auf einige Gestaltungsempfehlungen kommen, die Friederike Fahr aus ihren Ergebnissen ableitet:
Es braucht die Dialog zwischen Weiterbildung und Fachbereiche. Dies bedeutet u.a., dass die Weiterbildung mehr Einblicke in die Produktionszusammenhänge braucht – wo dies noch nicht gegeben ist. In den Fachbereichen braucht es wiederum Strukturen, die die Anwendung des Gelernten in die Praxis ermöglichen und unterstützen.
Formale Weiterbildung darf sich nicht auf Kurse beschränken, sondern muss durch individuelle(re) Formen der Unterstützung und Begleitung ergänzt werden. Und auch für die formalen Bildungsangebote gilt generell die Notwendigkeit, dass sie stärker auf das Individuum ausgerichtet sein müssen.
Zusammenfassend ist für mich erstaunlich, wie sehr sich die Ergebnisse dieser Arbeit mit der meiner Arbeit überschneiden, auch wenn gänzlich unterschiedliche Branchen untersucht wurden. Vor diesem Hintergrund wäre es sicherlich spannend, aus den Ergebnissen die Theorieentwicklung voranzutreiben und weitere empirische Untersuchungen durchzuführen. Es liegen doch nun einige Erkenntnisse auf dem Tisch, die eine genauere Betrachtung erforderlich machen, wenn nicht sogar erst ermöglichen. Dies sind sicherlich noch keine Meilensteine, aber wichtige Schritte für ein besseres Verständnis der Verbindung formellen und informellen Lernens im Kontext betrieblichen Lernens.
Quellen
Fahr, Friederike (2009). LernWerk: Lernen im Prozess der Arbeit am Beispiel der Automobilindustrie. Reihe Berufsbildung, Arbeit und Innovation – Dissertationen/Habilitationen Band 14. Bielefeld: W. Bertelsmann.
Rohs, Matthias (2007). Connected Learning: Zur Verbindung formellen und informellen Lernens in der IT-Weiterbildung. Saarbrücken: VDM-Verlag.
Veröffentlicht unter Veröffentlichungen, Weiterbildung
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