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Blog-Archiv für die Kategorie ‘Untersuchungen’

Rezension: Weiterbildung und informelles Lernen älterer Arbeitnehmer

von Matthias Rohs - 14. January 2010

Die Motivation für ein Buch, dass sich mit der Weiterbildung älterer Arbeitnehmer beschäftigt, braucht man nicht näher auszuführen. Angesichts der demographischen Entwicklung nimmt der Umgang mit Alter und älteren Menschen einen zunehmenden Stellenwert in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion ein. Die Habilitationsschrift von Bernhard Schmidt, die sich mit der Weiterbildung älterer Arbeitnehmer unter dem besonderen Fokus des informellen Lernens beschäftigt, ist dabei aber keine unter vielen. Sie bietet eine breit wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem (informellen) Lernen älterer Arbeitnehmer und liefert neue Erkenntnisse in diesem spannenden Forschungsfeld.

Die Forschungsarbeit, die in der Publikation dargestellt wird, entstand im Rahmen des BMBF-geförderten Projekts EdAge, dessen Ergebnisse in Tippelt et al. (2009) veröffentlicht sind. Während das Projekt jedoch die 45-80-jährigen Bundesbürger in den Blick nimmt, fokussiert sich die Forschungsarbeit von Schmidt auf die “noch im Erwerbsleben stehenden bzw. dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Erwachsenen ab einem Alter von 45 Jahren.” (S.5). Die Arbeit fokussiert dabei auf zwei Schwerpunkte. Zum einen richtet sich das Erkenntnisinteresse auf das Bildungsverhalten älterer Erwerbstätiger, wobei nicht nur informelle, sondern auch organisierte Bildungsangebote betrachtet werden. Die Entscheidung für diese umfassende Betrachtung der Bildungsaktivitäten, die zwar dem informellen Lernen besondere Beachtung schenkt, das organisierte Lernen aber ebenfalls berücksichtig, trägt einem neuen, erweiterten Verständnis (beruflicher) Weiterbildung Rechnung. Zum anderen wird die Erfassung von Ziele und Motive, die ältere Erwerbstätige mit ihren Bildungsaktivitäten verbinden, als zentraler Gegenstand der Arbeit genannt (ebd.). Für die Analyse der Ziele bedient sich der Autor eines für die Untersuchung von Bildungsoutcome entwickelten Kapital-Modells, das zwischen Humankapital, sozialem Kapital und Identitätskapital unterscheidet.

Die knapp 400 Seiten umfassende Arbeit gliedert sich in 10 Kapitel. Die ersten vier Kapitel sind dabei als Grundlagenkapitel zu verstehen. In ihnen beschäftigt sich der Autor mit der Stellung und den Entwicklungsaufgaben älterer Menschen in Gesellschaft und Unternehmen (Kap. 1), trägt Forschungsergebnisse zum Lernen älterer Menschen zusammen (Kap. 2), setzt sich mit dem Begriff, der Bedeutung und den Möglichkeiten zur Förderung informellen Lernens auseinander (Kap. 3) und stellt das erwähnte Kapital-Modell vor (Kap.4). Die Kapitel 5-8 widmet der Autor dem empirischen Teil der Arbeit. Diese gliedern sich analog zum Forschungsdesign, das in Kapitel fünf vorgestellt wird, in “Standardisierte Repräsentativbefragung” (Kap. 6), “Gruppendiskussion” (Kap. 7) und “Qualitative Interviews” (Kap. 8). Die abschliessenden Kapitel dienen schliesslich der Diskussion der Ergebnisse (Kap. 9) und dem Ausblick (Kap. 10).

Die Grundlagenkapitel sind zeichnen sich durch eine sorgfältige und umfassende Recherche aus und sind durch die reflektierte Bewertung der vorliegenden Forschung mehr als eine blosse Darstellung des Status Quo. Dies trifft insbesondere auf die Auseinandersetzung mit dem informellen Lernen zu. Schmidt beschränkt sich dabei nicht allein auf quantitative Betrachtungen, sondern rückt die “Frage nach einer qualitativen Veränderung (des Lernens, A.d.V.) durch die Bewusstmachung der Bedeutung informellen Lernens und der damit verbundenen Möglichkeiten.” (S. 116) in den Mittelpunkt. Besonders ergiebig für die weitere Diskussion erscheint mir die Betrachtung unabhängiger Variablen für das informelle Lernen, die, wo empirische Ergebnisse vorliegen, für die Gruppe Älterer/ älterer Arbeitnehmer vorgenommen wird. Wie schon anfangs angedeutet, ist die Betrachtung des informellen Lernens dabei nicht als Gegenüberstellung zum organisierten Lernen zu verstehen. “Organisiertes Lernen schafft durch die Vermittlung von Lernkompetenz erst die Voraussetzung für informelle Lernaktivitäten und kann die Begrenztheit informellen Lernens durch verfügbare Lern- und Erfahrungsräume sowie fehlende Distanz zum Lerngegenstand aufbrechen.” (S.138).

Die Betrachtung der Grundlagen verweist auf zahlreiche offene oder bislang nur teilweise beantwortete Forschungsfragen, aus denen Schmidt, ausgehend von den Zielen der Arbeit, ein knappes Dutzend für die empirische Untersuchung auswählt. Sie richten sich auf Weiterbildungsverhalten und -interessen, das informelle Lernen sowie Bildungsziele älterer Erwerbstätiger. Zur Beantwortung dieser Fragen wählt der Autor ein Forschungsdesign mit den schon erwähnten drei Elementen; Repräsentativbefragung, Gruppen- und Tiefeninterviews. Im Gegensatz zu zahlreichen Forschungsdesign, die eine Sequenzialität qualitativer und quantitativer Methoden ausweisen, hat sich Schmidt für eine teilweise Parallelität entschieden, um “eine effektive Nutzung des erkenntnistheoretischen Potentials beider Forschungstraditionen” (S. 192) zu nutzen. Konkret wurden auf Basis leitfadengestützter Experteninterviews und vorliegender Forschungsergebnisse die Fragebatterien für die Repräsentativbefragung abgeleitet. Für die tiefergehende Beschreibung besonderer Untergruppen (”für die spezielle Bildungsinteressen und -motive zu erwarten waren” S. 193), wurden qualitative Gruppendiskussionen (16) durchgeführt. Die Ergebnisse der Gruppendiskussionen und der Repräsentativbefragung dienten als Basis für die Tiefeninterviews (74, wovon 21 nach dokumentarischer Methode ausgewertet wurden). Für die Repräsentativbefragung wurden Daten einer Untersuchung der 45 bis 65-jährigen Erwerbsbevölkerung (n=3086) bzw. Erwerbstätigen (n=2012) ausgewertet.

Das Ergebnis der Untersuchung ist eine differenzierte Typenbildung, die Pauschalisierungen über Lerngewohnheiten älterer Erwerbstätiger entgegensteht. Auch wenn es angesichts des Umfangs der Ergebnisse nur willkürlich sein kann einzelne Aspekte herauszugreifen, so möchte ich doch auf einige Erkenntnisse hinweisen. So kommt Schmidt zu dem Schluss, dass insgesamt davon auszugehen ist, dass eher von Personen mit generell hohem bzw. geringem Aktivitätsgrad auszugehen ist, wobei Personen mit hohem Aktivitätsgrad sowohl formelle als auch informelle Lernmöglichkeiten eher nutzen als Personen mit niedrigem Aktivitätsgrad (vgl. S. 315). Das Alter, und dies ist wohl am erstaunlichsten, sagt dabei wenig über die Bildungsziele und -interessen aus, was die Betrachtung des Lernens Älterer ad absurdum führt.

Vielmehr sind Variablen wie Erwerbsstatus, berufliche Position, die schulische und berufliche Erstausbildung geeignet, auch wenn sie keine hinreichende Differenzierungskriterien sind (vgl. S. 355). Zudem zeigte sich, dass “zwar auch außerhalb des Betriebs informell gelernt wird, dass aber Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung den Ausschluss von dem wichtigen Feld beruflicher Kompetenzentwicklung bedeutet” (S. 316 mit Verweis auf Boud & Garrick 1999). “Als wesentliches außerberufliches informelles Lernfeld erweisen sich über alle Bildungs- und Sozialgruppen hinweg Reisen.” (S.325). (Siehe in diesem Zusammenhang auch Rezension von Buck 2005).

Dieses Buch ist ab sofort zu den Grundlagenwerken in der Beschäftigung mit dem (informellen) Lernen älterer Erwerbstätiger zu rechnen. Insbesondere durch die Einbeziehung informellen Lernens wird eine wesentliche Erweiterung der vorliegenden Forschungsarbeiten vorgenommen. “Weiterbildung und informelles Lernen älterer Arbeitnehmer” gehört zu dem Besten, was in diesem Bereich im deutschsprachigen Gebiet publiziert wurde. Der einzige Makel der Publikation liegt darin, dass sie nur in deutsch vorliegt, und somit die Rezeption und Wahrnehmung eingeschränkt bleiben wird. Dabei bieten gerade solche Publikationen die Möglichkeit, auch international das Renomee der deutschen Bildungsforschung zu steigern.

Fussnote:
Unklar ist der genaue Name des Autors. Während das Buch den Autor Bernhard Schmidt auszeichnet, steht in der Buchinformation wie auf der persönlichen Website der Universität München Schmidt-Hertha.

Quelle
Buck, D. (2005). Touristische Gastfreundschaft in “good old Germany” – Wahrnehmungen touristischer Dienstleistungen durch US-amerikanische Gäste. Münster: Waxmann.
Schmidt, B. (2009). Weiterbildung und informelles Lernen älterer Arbeitnehmer: Bildungsverhalten. Bildungsinteressen. Bildungsmotive. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
Tippelt, R., Schmidt, B., Schnurr, S., Sinner, S. & Theisen, C. (2009). Bildung Älterer – Herausforderungen des demografischen Wandels. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

Veröffentlicht unter Berufssbildung, Untersuchungen, Veröffentlichungen, Weiterbildung

Informelles Lernen in Sozio-technischen Communities

von Matthias Rohs - 22. November 2009

Wenn das informelle Lernen mit digitalen Medien thematisiert wird, kommt man aktuell nicht um Isa Jahnke herum, die eine ganze Reihe von Beiträgen zu diesem Thema veröffentlicht hat. Drei von diesen Artikeln (siehe Quellen) habe ich jetzt gelesen.
Alle Drei behandeln im Wesentlichen die theoretischen Grundlagen sozio-technischer Communities und den Erfahrungen aus dem Einsatz solcher Communities im universitäten Kontext. Thematisiert werden dabei die Möglichkeiten der Integration informeller Lernwege in formale Universitätsstrukturen. In Jahnke & Mattick (2008) wird dabei vor allem das konkrete Vorgehen der Etablierung und Entwicklung der Community in universitäre Strukturen angesprochen. Dies ist auch Fokus von Jahnke (2009b), wobei hier der Fokus stärker auf den empirischen Daten gelegt wird.
Am besten gefallen hat mit aber – bei allen Überschneidungen der drei Artikel – der Beitrag aus der IWP, da er empirische etwas breiter angelegt istt und (etwas mutiger) auf mögliche Konsequenzen eingeht und Empfehlungen zur Kultivierung von Communities gibt. Besonders interessant fand ich in diesem Beitrag eine Übersicht zu do’s und dont’s der Unterstützung des Informellen:

Alle Artikel sind Online verfügbar und sehr lesenswert.

Quellen
Isa Jahnke (2009a): Das Informelle ist das Besondere. Veränderung formaler Strukturen in Organisationen durch neue Medien. In: Information, Wissenschaft, Praxis (IWP) 60 (2009) Nr. 4. S. 189-196.
Isa Jahnke (2009b): Socio-technical Communities: From Informal to Formal?. In: B. Whitworth, A. de Moor (Eds.). Handbook of Research on Socio-Technical Design and Social Networking Systems. Hershey (PA): Information Science Reference, IGI Global Publisher. Chapter L. pp. 763-778.
Isa Jahnke / Volker Mattick: (2008): Integration informeller Lernwege in formale Universitätsstrukturen: Vorgehensmodell Sozio-technische Communities. In: S. Zauchner, P. Baumgartner, E. Blaschitz, A. Weissenbäck (Hrsg.): Offener Bildungsraum Hochschule. Konferenzband der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft, GMW 2008. Münster u.a.: Waxmann Verlag. S. 192-203.

Veröffentlicht unter E-Learning, Hochschule, Untersuchungen

Wer spricht noch vom informellen Lernen?

von Matthias Rohs - 29. January 2009

Die Wahrnehmung informelles Lernen in der Öffentlichkeit ist stark geprägt von der individuellen  Beschäftigung damit. Objektive Beurteilungskriterien zum Status und zur Entwicklung des Themas sind mir nicht bekannt. Ist der Hype zum Thema vorbei, oder beginnt er gerade erst? Oder ist der Hype nur eine Einbildung gewesen?

Um eine kleine Orientierung zu bekommen, habe ich Google “Insights for Search” genutzt, um mir die Entwicklung der Suchanfragen zum Begriff “informal learning” anzuschauen. Der englische Begriff verzerrt die Darstellung, da nach diesem Begriff in den englischsprachigen Ländern stärker gesucht wird, dennoch ist das  Ergebnis für die “weltweite” Perspektive ganz interessant.

Entwicklung der Suchanfragen von 2004 bis heute

Entwicklung informellen Lernens von 2004 bis heute

Ich würde mal vorsichtig einen (leicht) abfallenden Trend diagnostizieren.

Weltweite Verteilung der Suchanfragen zu “informal learning”

Weltweite Verteilung der Suchanfragen

Aufgrund des englischen Suchbegriffs gibt es hier zwar Verzerrungen, dennoch ist das Ergebnis nachvollziehbar. In den USA, Kanada, GB und Australien ist die Beschäftigung mit dem informellen Lernen besonders intensiv. Aber auch in Westeuropa gibt es eine starke Beschäftigung mit dem informellen Lernen.  Spannend finde ich, dass auch in Braslien viel nach dem Begriff gesucht wird, was ich vor allem mit dem Einfluss Paolo Freires in Verbindung bringen würde.

Verwandte Suchbegriffe

Verwandte Suchbegriffe

Spannend sind letztendlich noch verwandte Suchbegriffe. Hier zeigt sich, dass informelles Lernen vor allem in Verbindung zum formellen Lernen von Interesse zu sein scheint und informelles Lernen vor allem in der Naturwissenschaften von Bedeutung ist.

Zum Schluss noch noch die Kür der Welthauptstadt informellen Lernen: Die ist, wenn man Google glauben mag, London. Zumindest gibt es dort am meisten Fragen dazu. Von dieser Seite – mehr für das Interesse als für die Unwissenheit – mein Respekt.

Ein wenig seriöser ist eine Auswertung der Literaturdatenbank FIS Bildung nach dem Suchbegriff “informelles Lernen”. Dort sind die ersten Beiträge im Jahr 1993 zu finden.

Diagramm informelles Lernen FIS Bildung

Hier zeigt sich ein Abwärtstrend der Publikationen zum informellen Lernen seit 2005.

Was lässt sich nun abschliessend konstatieren? Sicherlich können keine ersthaften Aussagen getroffen werden. Dies war auch nicht Ziel dieses Beitrags. Vielmehr lassen sich Vermutungen bebekräftigen, wonach die Beschäftigung mit dem informellen Lernen in der Wissenschaft (Deutschland) nachgelassen hat, abgesehen davon das Thema aber weiterhin intensiv (in der Praxis) diskutiert wird. Oder wie ist ihr Eindruck?

Veröffentlicht unter Untersuchungen

Nachhaltige Kompetenzen durch informelle Bildung

von Matthias Rohs - 21. August 2008

Ergänzend zur letzten Buchrezension (hier) ist das informelle Lernen aktuelles DJI-Thema des Monats. Neben ausgewählten Untersuchungsergebnissen von Düx, Prein, Sass und Tully gibt es Beiträge von

  • Prof. Dr. Heinz Reinders, Universität Würzburg: „Die Kompetenten sind das Problem – die schwierige Messung sozialer Kompetenzgewinne durch gemeinnützige Tätigkeit“
  • Bastian Dietz, Bayerischer Jugendring: „Strategien gegen den Schiffbruch: Wie die Jugendarbeit Jugendliche aus bildungsfernen Schichten als Ehrenamtliche ins Boot holt.“
  • Dr. Klaus Schäfer, Ministerium NRW: Ehrenamtliches und freiwilliges Engagement junger Menschen – Ehrensache oder mehr”

Veröffentlicht unter Projekte, Untersuchungen

Informelles Lernen im 2. Nationalen Bildungsbericht 2008

von Matthias Rohs - 13. June 2008

Heute ist der 2. Nationale Bildungsbericht erschienen und mich hat natürlich interessiert, was zum informellen Lernen geschrieben wird. Gleich in der Einleitung heisst es:

“Mit dem zweiten nationalen, gemeinsam von Bund und Ländern in Auftrag gegebenen Bildungsbericht wird erneut eine umfassende empirische Bestandsaufnahme vorgelegt, die das deutsche Bildungswesen als Ganzes abbildet und von der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung bis zu den verschiedenen Formen der Weiterbildung im Erwachsenenalter reicht. Sie schließt auch jene Bildungsprozesse ein, die sich mit den Begriffen non-formale Bildung und informelles Lernen beschreiben lassen. ” (S. V)

Tatsache ist, dass ausschliesslich das informelle Lernen im Erwachsenenalter thematisiert wird – in einem Unterkapitel im Bereich “Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter”. Wenn informelle Lernprozesse in die Betrachtung eingeschlossen werden sollen – so wie in der Einleitung angekündigt – so wäre es meines Erachtens notwendig dies auf allen Ebenen zu tun (frühkindliche, schulische, berufliche Aus- und Weiterbildung …).

Inhaltlich wird vor allem auf den Bereich der beruflich-betrieblichen Bildung eingangen. Zwar bin ich grundsätzlich skeptisch, was statistische Zahlen zum informellen Lernen betrifft, die differenziertere Darstellung der Unterschiede ist meines Erachtens aber eine positive Entwicklung weg von pauschalisierten Angaben über Umfang und Wirkungen informellen Lernens.

Zu den vorgestellten Ergebnissen:

  • “Zwischen 2003 und 2007 nimmt nicht nur insgesamt die Beteiligungsquote an informellem beruflichen Lernen um sieben Prozentpunkte zu, es steigen auch alle in der Individualbefragung des Berichtssystems Weiterbildung (BSW) erfassten Formen informellen Lernens in der Arbeit signifikant an.” Interessant ist vor allem die “Verdopplung des Anteils derjenigen Beschäftigten, die am Arbeitsplatz mithilfe von mediengestützten Selbstlernprogrammen ihre berufliche Kompetenz erhalten und erweitern.” (S. 146)
  • “Nach Schulbildung gibt es ein eindeutiges Gefälle von Abitur über mittlere bis zur niedrigen Schulbildung. Das Gefälle ist nach beruflicher Qualifi kation im Spektrum zwischen Hochschulabschluss und fehlendem beruflichen Abschluss noch größer. Nach Berufsstatus partizipieren Arbeiter deutlich weniger an informellen Lernformen als Angestellte, Beamte und Selbstständige.” (S. 147)
  • “Dass informelles Lernen stark von Gelegenheitsstrukturen abhängig ist, wird dadurch bestätigt, dass die von Unternehmen bereitgestellten Formen informellen Lernens stark nach Wirtschaftsbereichen variieren. Bei einem insgesamt hohen Durchschnittswert für informelle Lerngelegenheiten von 66% reicht die Streubreite zwischen den Wirtschaftsbereichen von 51% (Verkehr und Nachrichtenübermittlung u. a.) bis 98% (Kredit- und Versicherungsgewerbe). ” (S. 147) (siehe Abbildung)
  • “Neben der Branchenzugehörigkeit spielen Unternehmensgröße und Innovationsaktivitäten von Unternehmen eine Rolle bei der Verteilung von arbeitsbezogenen Gelegenheiten informellen Lernens. (…) Die kleineren Unternehmen (10 bis 49 Beschäftigte) weisen den niedrigsten, die Großunternehmen (mit mehr als 500 Beschäftigten) mit über 68% den höchsten Anteil auf.” (S.147)


Quelle:

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2008). Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer ANalyse zu Übergängen in Anschluss an den Sekundarbereich 1. Im Internet: http://www.bildungsbericht.de/daten2008/bb_2008.pdf

Veröffentlicht unter Untersuchungen, Veröffentlichungen

Mehr verdienen mit informellem Lernen

von Matthias Rohs - 25. May 2008

“Weiterbildung lohnt sich”, so steht es in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Weiterbildung”. Nach einer Untersuchung der Deutschen Industrie- und Handelskammer bei 11.000 Weiterbildungsabsolventen gaben zwei Drittel an, dass sich ihre Weiterbildung positiv auf auf ihre berufliche Entwicklung augewirkt hat. (S. 50)

Angesprochen ist damit die formale Weiterbildung. Aber wie sieht es mit informeller Weiterbildung aus? Eine Antwort auf diese Frage bietet eine Untersuchung von Pfeiffer & Reize (2000) vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, die den Zusammenhang zwischen formeller/informeller Weiterbildung und die Auswirkungen auf den individuellen Arbeitsverdienst untersucht haben.

Pfeiffer und Reize haben die Gruppe der Arbeitnehmer und der Selbständigen gegenübergestellt. Dabei zeigte sich:

“26,3 % der Arbeitnehmer und 25,8 % der Selbständigen in der Stichprobe haben in den letzten fünf Jahren seit 1987 an formaler Weiterbildung teilgenommen. (…) Im Unterschied zur formellen Weiterbildung ist die Weiterbildungsbeteiligung der Selbständigen an informellen Veranstaltungen wesentlich höher als bei Arbeitnehmern. Fast 45 % der Selbständigen nehmen an Fachmessen, Fachvorträgen, etc. teil, im Vergleich zu 30 % der Arbeitnehmer. Die Beteiligung an formalen Weiterbildungskursen schließt eine Beteiligung an informellen Kursen nicht aus. 81 % der Selbständigen und 63 % der Arbeitnehmer, die sich an formaler Weiterbildung beteiligten, nahmen zusätzlich auch informelle Weiterbildungsmöglichkeiten wahr.” (S. 2)

Und dann zum Wesentlichen:

“Die Schätzergebnisse zeigen, daß sich die Bestimmungsgründe des Verdienstes im Falle der Teilnahme an formeller oder informeller Weiterbildung deutlich von denjenigen ohne Teilnahme unterscheiden.
Die Bedeutung der Ausbildungsvariable und der Senioritätsentlohnung geht im Falle der Weiterbildung zurück. Die Schätzungen zeigen, daß die Verdienstdifferentiale mit dem Grad der Formalisierung der Weiterbildung zunehmen und daß auch informelle Weiterbildung positive Effekte hat.
” (S. 3)

Zwar wäre damit das formelle Lernen bessere Weg zu einem höhere Einkommen, aber überraschender Weise lässt sich auch mit informeller (nicht zertifizierten) Weiterbildung mehr Geld verdienen.

Quelle:

Pfeiffer, Friedhelm und Frank Reize (2000). Formelle und informelle berufliche Weiterbildung und Verdienst bei Arbeitnehmern und Selbständigen, ZEW Discussion Paper No. 00-01, Mannheim Im Internet: http://madoc.bib.uni-mannheim.de/madoc/frontdoor.php?source_opus=580

Veröffentlicht unter Berufssbildung, Untersuchungen, Veröffentlichungen, Weiterbildung

Survey on Informal & Web 2.0 Learning Practices

von Matthias Rohs - 23. May 2008

Jay Cross führt eine Studie zum informellen Lernen und Web 2.0 in Unternehmen durch. Das ausfüllen des Fragebogens dauert drei Minuten und ist noch bis zum 5. Juni möglich. Als Teilnehmer bekommen sie die Resultate zugeschickt. Und hier können sie mitmachen.

Veröffentlicht unter Untersuchungen

Kosten für informelles Lernen

von Matthias Rohs - 22. April 2008

An dieser Stelle bin ich schon mal auf das 80%-Problem eingegangen und eine differenzierte Sichtweise auf das immer wiederkehrende Argument gefordert, dass 80% des Lernens informell sind. In ähnlicher Weise ist es wohl zu einfach gedacht, dass sich durch informelles Lernen Kosten einsparen lassen – was vielleicht wünschenswert wäre, aber wohl nicht der Realität entspricht. Wie hier und hier berichtet wird, sind die Kosten für informelles Lernen sogar höher. Danach müsste die bekannte Grafik von Jay Cross umgekehrt werden.

Auch aus meiner Erfahrung würde ich nicht davon ausgehen, dass informelles Lernen zur Kostenreduktion beiträgt, sondern vielmehr zu einer Verlagerung der Kosten, wobei Kosten nicht immer Geld, sondern beispielsweise auch Zeit bedeutet. Diese Zusammenhänge lassen sich nur schwieriger darstellen als das Bildungsbudget eines Unternehmens. Ganz so drastisch wie in der Abbildung würde ich es aber auch nicht sehen. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

(von http://www.knowledgejump.com/learning/informal.html)

Veröffentlicht unter Untersuchungen

Informelles Lernen im Internet von Jugendlichen

von Matthias Rohs - 19. February 2008

Durch den Beitrag von Tim Schlotfeldt bin ich auf eine Pressemitteilung des BITKOM aufmerksam geworden, die ich jedoch allein nicht so aussagekräftig finde. So ist es vielleicht nicht unerwartet, dass die Informationssuche im Netz mit den Plätzen 4, 5, 6 und 8 gut in den Top-Ten vertreten ist. Was aber bedeutet dies an Umfang und auch Qualität? Ich habe mir deshalb noch mal kurz die JIM-Studie von 2007 angesehen (untersucht wird die Mediennutzung von 12-19jährigen). Dort wird ein Anteil von 23 Prozent für Informationssuche im Netz ausgewiesen und 59 Prozent für Kommunikation. Aufgrund der Lieblingsseiten lässt sich vermuten, dass Wikipedia dabei einen zentralen Stellung zukommt.
Interessant ist an den BITKOM/MPFS-Daten, dass “Informationen für Schule/Beruf” und “Informationen (nicht Schule)” getrennt betrachtet werden. Dabei zeigt sich, dass das Internet als Informationsmedium öfter in nicht-schulischen Kontexten genutzt wird. Auf das informelle Lernen wird jedoch weder im JIM-Bericht noch in der Presseerklärung weiter eingegangen.

Quellen:

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2007). JIM 2007 – Jugend, Information, (Multi)Media: Basisstudie zum Medienumgang 12-19-jähriger in Deutschland. Stuttgart

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Informelle Weiterbildung in Deutschland

von Matthias Rohs - 18. February 2008

In verschiedenen Blogbeiträgen (hier, hier und hier) wurde auf die jüngst veröffentlichten Zahlen zur Weiterbildung eingegangen. Sowohl im Bereich der betriebliche Weiterbildung (Bericht Bundesinstitut für Berufsbildung) , als auch in der allgemeinen Weiterbildung (BSW-AES-Eckdaten) gibt es kaum Veränderungen gegenüber den letzten Jahren. In den BSW-AES-Eckdaten heißt es dazu:

“Die Teilnahmequote an allgemeiner Weiterbildung hat sich über die Zeit ähnlich entwickelt wie die Teilnahmequote an beruflicher Weiterbildung. Von 1979 bis 1997 verdoppelte sich die Beteiligung von 16% auf 31%. Für das Jahr 2000 zeigte das BSW einen deutlichen Rückgang auf 26%, seither ist die Quote auf diesem niedrigeren Niveau etwa stabil. Im BSW 2007 zeigt sich eine leichte Tendenz nach oben, die insbesondere von den neuen Ländern getragen ist.” (BSW = Berichtsystem Weiterbildung)

Diese leicht positive Tendenz wird vor allem auch durch eine Zunahme informellen Lernens! getragen. Zwar wurde bereits seit 1988 das informelle Lernen erhoben, die Kriterien haben sich jedoch bis 2003 immer wieder verändert, so dass die Daten nicht vergleichbar waren. Nun sind die Kriterien erstmals identisch, so dass ein Vergleich der Zahlen von 2003 und 2007 möglich ist. Dabei zeigt sich, dass der Anteil informeller beruflicher Weiterbildung (von 61% auf 68%) und das informelle Lernen außerhalb der Arbeitszeit (von 35% auf 39%) gestiegen ist.

Dennoch sind diese Zahlen nicht unproblematisch, worauf bereits Michael Kerres in seinem Blog hingewiesen hat. Die Probleme bei der Erfassung informellen Lernens sind dabei sehr vielschichtig. Angefangen von uneinheitlichen Definitionen und Kriterien, bis hin zu methodischen Fragen. Deutlich wird im Eckpunktebericht des BMBF/TNS aber das Problembewusstsein darüber, vor allem im Vergleich zur europäischen Sichtweise auf Weiterbildung. Die Internationalisierung des BSW zwingt daher auch zu einer Auseinandersetzung mit dem gewachsenen Verständnis von Weiterbildung. Hier zeigt sich, dass die “kulturelle Selbstverständlichkeit” bei der Definition von Weiterbildung längst nicht so selbstverständlich ist. Diese Sichtweise und die Etablierung der Erfassung informellen Lernens im BSW bzw. BSW/AES sind positive Entwicklungen. Offen bleibt, wann endlich die methodische Frage angegangen wird. So ist klar, wie Kerres es formuliert: “informelles Lernen findet bei allen Menschen IMMER statt”. Die Frage ist daher, wie dieses (noch dazu oft unbewusste) Lernen differenzierter erfasst werden kann.

Die vorliegende Statistiken zeigen somit den richtigen Weg, sind aber noch längst nicht am Ziel. Daher rufen sie auch ganz unterschiedliche Reaktionen hervor:

a) Sie lassen einen kalt, weil man sie für untauglich hält.

b) Man findet sie wichtig, weil sie zumindest versuchen das informelle Lernen zu erfassen.

c) Sie verärgern, weil mit solchen Daten alles und nichts begründet werden kann und zuweilen auch wird.

… to be continued …

Quellen:

Behringer, F., Moraal, D. & Schönfeld, G. (2008). Betriebliche Weiterbildung in Europa: Deutschland weiterhin nur im Mittelfeld. Aktuelle Ergebnisse aus CVTS3. Im Internet: http://www.bibb.de/dokumente/pdf/pressemitteilung_7_2008_anlage_bwp.pdf (15.02.08)

von Rosenbladt, B. & Bilder, F. (2008). Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland: Eckdaten zum BSW-AES 2007, hrsgg. von TNS Infratest Sozialforschung, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung sowie Helmut Kuwan Sozialwissenschaftliche Forschung und Beratung, München. Im Internet: http://www.bmbf.de/pub/weiterbildungsbeteiligung_in_deutschland.pdf (15.03.2008)

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