
Die Online-Zeitschrift Bildungsforschung plant für die Ausgabe 1/2009 ein Themenheft zum informellen Lernen. Ich wurde eingeladen zusammen mit Bernhard Schmidt dieses “Heft” herauszugeben.
Aufgrund der vielen offen Fragen zum informellen Lernen, war die Entscheidung für einen Fokussierung des Themas schwer. Letztendlich haben wir uns dafür entschieden, hinter die Beweggründe zu schauen, die Individuuen zum informellem Lernen bewegen oder Forscher, Bildungsverantwortliche, Politiker u. a. für das informelle Lernen eintreten lassen. Diese Motive sind sehr verschieden und der erste Blick lässt kaum die unterschiedlichen Interessen dahinter erkennen.
Mit dem Themenheft erhoffen wir uns eine breite Diskussion über die Hintergründe des aktuellen Trends anzustossen.
“Analog zu organisierten Lehr-Lernformen stellt sich auch im Kontext informeller Lernprozesse die Frage nach den Motiven, Anlässen und Zielen, die Akteure mit ihren persönlichen Lernprozessen bzw. mit der Förderung von Lernaktivitäten verknüpfen. Damit sind unterschiedliche Ebenen und Betrachtungswinkel auf die Motivationslagen informellen Lernens angesprochen. Nicht nur Individuen sind hinsichtlich der Lernanlässe und -motive, die sie zu informellen Lernprojekten anregen, von Interesse. Ebenso ist nach den Motiven von Arbeitgebern, Bildungsinstitutionen und der Bildungspolitik zu fragen, wenn diese für Formen des informellen Lernens argumentieren.
Es lassen sich drei Ebenen differenzieren, für die jeweils nach der motivationalen Ausgangslage für informelle Lernprozesse gefragt werden kann:
- Auf der Ebene des Individuums wird das informelle Lernen vor allem mit der Lösung von Problemen in Verbindung gebracht. Informelles Lernen folgt hier keiner Lernintention, sondern ist in erster Linie mit anderen Zielsetzungen verbunden, wie zum Beispiel die Bewältigung von Arbeitsaufgaben. Informelles Lernen kann aber auch ein bewusster selbst gesteuerter Lernprozess sein, der außerhalb didaktischer Arrangements und Lernzielvorgaben stattfindet.
Gerade zur Förderung informellen Lernens stellt sich die Frage, welche Zielsetzung Lernende mit ihren informellen Lernprojekten verbinden und welche Anlässe oder Stimuli sich identifizieren lassen. Von besonderem Interesse wäre die Bearbeitung dieser Fragen im Hinblick auf Motivationslagen in unterschiedlichen informellen Lernkontexten, wie zum Beispiel Arbeit, Urlaub, Familienphase, in Museen oder Naturschutzeinrichtungen.
- Auf der Ebene der Organisationen und Institutionen sind es u.a. ökonomische oder pädagogische Interessen, die die Haltung zum informellen Lernen prägen.
Personal- und Bildungsverantwortliche in Unternehmen ebenso wie in Schulen, Hochschulen, außerschulische Bildungs- und Freizeiteinrichtungen oder NGOs haben in den letzten Jahren das informelle Lernen für sich entdeckt. Hier wäre zu fragen, welche Ziele und Hoffnungen – vielleicht auch Kalküle – in diesen Einrichtungen mit der Propagierung und Förderung des informellen Lernens verbunden werden.
Organisationen sind aber selbst nicht nur Orte informellen Lernens, sondern können auch Dienstleistungen zur Unterstützung informellen Lernens anbieten. Auch hier stellt sich die Frage, welche Motive und Hoffnungen Grundlage für dieses Engagement sind, aber auch, was andererseits Institutionen und Organisationen hinsichtlich einer Öffnung hin zum informellen Lernen zurückhält.
- Auf einer bildungspolitischen Ebene steht informelles Lernen als wesentlicher Teil des Lebenslangen Lernens schon länger auf der Agenda (auf europäischer Ebene schon seit den 1970ern; in Deutschland seit Mitte der 1990er). Zahlreiche Papiere und Memoranden wurden hierzu verfasst, Expertisen in Auftrag gegeben und Projekte durchgeführt. Interessenvertreter der Wirtschaft, der Arbeitnehmer und der Forschung positionieren sich zum informellen Lernen. Welche Motivlagen und Zielsetzungen verbergen sich aber hinter ihren Argumentationen? Was versprechen sich Bildungspolitiker auf nationaler und internationaler Ebene von der Förderung informeller Lernprozesse und der Zertifizierung von deren Ergebnissen?
Wie sich hier andeutet, können sich die Motivationslagen für informelles Lernen auf sehr unterschiedlichen Ebenen bewegen. Dabei können gleichen Zielen auch widersprechende Motive und Interessen zugrunde liegen. Auch solche Divergenzen und Differenzen und mögliche Folgen gilt es zu eruieren und zu thematisieren.
Informelles Lernen wird dabei als ein Lernen verstanden, dass sich auf der einen Seite gegenüber organisiertem Lernen in didaktisch gestalteten Lernarrangements abgrenzen lässt, auf der anderen Seite aber auch zahlreiche Schnittstellen dazu aufweist. In diesem Sinne beziehen sich Motivationslagen für informelles Lernen auch auf die Verbindung(sstellen) formellen und informellen Lernens.”
Der Call ist hier zu finden und Hinweise zur Manuskriptgestaltung hier.
Beiträge werden bis zum 1. Dezember entgegengenommen. Bei Nachfragen stehen wir gerne zur Verfügung.
Matthias Rohs (mail@matthias-rohs.de)
Bernhard Schmidt (b.schmidt@lmu.de)