Indikatoren für das informelle Lernen
von Matthias Rohs - 13. October 2009In diesem Jahr erschienen ist ein Herausgeberband von Rudolf Tippelt, der die Beiträge einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft zum Thema “Steuerung durch Indikatoren?! Methodologische und theoretische Reflexionen zur deutschen und internationalen Bildungsberichterstattung“, die im Oktober 2007(!) an der FU Berlin stattfand, zusammenfasst.
(Klammerbemerkung: Erstaunlicher Weise gibt es noch die Website der Tagung, die nun schon zwei Jahre her ist. Selbst habe ich auch schon die Erfahrung bei einer DGFE-Publikation gemacht, dass es seeeeehr lange dauert, bis die Ergebnisse publiziert sind. Dass es am Verlag Barbara Budrich liegt, kann ich eigentlich nicht glauben, da ich dort auch andere Erfahrungen gemacht habe. Aber das soll hier nicht Thema sein.)
“Indikatoren”, so heisst es in der Einleitung von Tippelt “sind zunächst empirisch relevante und belastbare Informationen über Bereiche des Bildungs- und Erziehungswesens.” (2009, S. 10). Der für die Publikation zweite zentrale Begriff ist der der Steuerung. Die Beschäftigung mit diesen beiden Thematiken wird durch die “derzeit vorherrschende Theorie des ‘neuen Output-Steuerungsmodells” und der zentralen Frage, ob Bildungssysteme tatsächlich steuerbar sind, motiviert.
So viel zum Rahmen. Interessiert hat mich in diesem Band vor allem der Aufsatz von Thomas Rauschenbach zu den Möglichkeiten und Grenzen der “Indikatorisierung” (wow!) informellen Lernens (Rauschenbach 2009). Der Artikel, so führt Rauschenbach ein, betrachtet dieses Thema aus dem Blickwinkel der Kinder- und Jugendforschung. Dies ist sicherlich sinnvoll. Zum einen ist Rauschenbach ausgewiesener Experte in diesem Bereich, zum anderen mach diese Fokussierung Sinn, da das Verständnis informellen Lernens in den verschiedenen Teildisziplinen der Erziehungswissenschaft (und auch innerhalb einzelner) unterschiedlich definiert wird. So beginnt Rauchenbach auch mit einer Dekonstruktion des informellen Lernen um ihn von “seiner Catch-all-Funktion zu entlasten.” (S.37). Dabei kommt er auf drei Dimensionen zur Beschreibung informellen Lernens:
1) Bildungsort
2) Modalität (unter der er zwischen expliziten und impliziten, intendierten und nicht intendierten, zufälligen oder geplanten, von aussen angestossenen oder intrinsisch motivierten und direkten oder indirekten (?) Formen des Lernens unterscheidet)
3) Inhalte
Während die ersten beiden Dimensionen gut in die aktuelle Diskussion passen, hatte ich mit der Letzten doch etwas Schwierigkeiten. Zwar wird gesagt, dass informelles Lernen eher zu Erfahrungswissen führt, während formelles Lernen eher Theoriewissen erzeugt (Dehnbostel), aber Rauschenbach bleibt für mich dort sehr schwammig, spricht von “Themenbereichen, die in den offiziellen Plänen des Bildungswesens nicht vorkommen” (S.38) und “‘weichen’ Themen” (ebd.) die er in Verbindung mit dem informellen Lernen bringt.
Generell habe ich zudem Schwierigkeiten mit solchen Gegenüberstellungen zwischen formellem und informellem Lernen. Informelles Lernen findet für mich auch an formalen Bildungsorten statt, Modalitäten sind meist nicht eindeutig, sondern in “eher”-Ausprägungen zu beschreiben und auch bei den Inhalten sehe ich nur eine begrenzte Trennschärfe. Dies hilft der Diskussion und der wissenschaftlichen Operationalisierung nicht, aber entspricht zumindest meinen Praxiserfahrungen.
Schade fand ich auch, dass sich der Autor auch bei der allgemeinen Argumentation sich im Wesentlichen an einer handvoll deutschsprachiger Publikationen orientiert. Hier gäbe es sicherlich noch Potenzial.
Es folgen drei Beispiele, an denen Rauschenbach deutlich macht, wie sich bezogen auf Computer, Komptenzerwerb und Verantwortungsübernahme informelles von formellem Lernen unterscheidet. Bezogen auf die Computernutzung wird ausgeführt, dass es nicht zu den Kernfächern der Schule gehört. Das stimmt auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber auch nicht. Wesentlich scheint mir hier auf die Facetten dieser “Bildung” zu schauen. Was lernen denn Jugendliche über den Computer in der Schule und was in der Freizeit? Zwar kann ich folgen, dass der informellen Aneignung der Computernutzung eine wichtige Bedeutung zukommt, aber ist nicht gerade die (hoffentlich) reflektierte Beschäftigung mit der Computernutzung in der Schule noch wichtiger? Hier wird mir doch ein wenig zu holzschnittartig argumentiert. Auch ist die Argumentation nicht eng an den zuvor formulierten Dimensionen entlang geführt, sondern zielt schon – so der Eindruck – auf die drei folgenden quer zu den bisherigen Dimensionen liegenden “Erhebungstatbestände informellen Lernens in nicht-standardisierten Kontexten” (S. 45), die da wären:
1) Gelegenheits- und Ermöglichungsstrukturen
2) die Inanspruchnahmen und Nutzung dieser Angebote
3) die vermeintlichen bzw. tatsächlichen Effekte und Wirkungen als Folge dieser Nutzung (S. 46).
Dies heisst, im Fall der Schule stellt sich nicht die Frage der Gelegenheitsstrukturen, da für jedes Kind ein Schulplatz zur Verfügung steht und die Inanspruchnahme durch die Schulpflicht geregelt wird. Dies stellt Rauschenbach der Kinderbetreuung gegenüber, wo das Angebot nicht flächendeckend und verpflichtend ist. Damit wird dann auch die Frage gestellt, wie der Lern-Output in Kindergarten und Schule im Vergleich zum informellen Lernen in der Freizeit steht. “Die Frage ob der Kindergarten grundsätzlich mehr Kompetenzen als andere Konstellationen des Aufwachsen vermittelt, war somit bislang keine konstitutive Basis der Begründung für dessen Ausweitung oder Umbau” (S. 48).
Im Anschluss an diese Ausführungen kommt Rauschenbach zur Erfassung informellen Lernens, wobei er wiederum drei Ebenen unterscheidet:
1) Selbsteinschätzung
2) Fremdeinschätzung
3) Messung
Dies ist wohl der unkritischste Teil des Artikels.
Ich gebe zu, dass ich mit dem Text einige Schwierigkeiten hatte, wobei ich mir nicht immer sicher war, ob ich die Sichtweise des Autors auch richtig erfasst habe. Die Gedanken und der Text wirkten für mich aber ein wenig unfertig. Grundsätzlich finde ich diese Aufbereitung aber eine gute Basis zum Weiterdenken.
Quellen
Rauchenbach, T. (2009). Informelles Lernen: Möglichkeiten und Grenzen der Indikatorisierung, In R. Tippelt (Hrsg.), Steuerung durch Indikatoren: Methodologische und theoretische Reflexionen zur deutschen und internationalen Bildungsberichterstattung (S. 35-53). Opladen: Verlag Barbara Budrich.
Tippelt, R. (2009). Steuerung durch Indikatoren!? Methodologische und theoretische Reflexionen zur deutschen und internationalen Bildungsberichterstattung, In: R. Tippelt (Hrsg.), Steuerung durch Indikatoren: Methodologische und theoretische Reflexionen zur deutschen und internationalen Bildungsberichterstattung (S. 7-15). Opladen: Verlag Barbara Budrich.


In der aktuellen Ausgabe 6 des
Infornelles Lernen beim Spielen. Je mehr ich darüber nachdenke, je mehr Aspekte fallen mir dazu ein. Dabei wollte ich eigentlich nur auf einen Artikel in der Zeitschrift Computer & Unterricht aufmerksam machen, der sich mit Computerspiele befasst. Aber der Reihe nach.
Die Autoren sind keine Unbekannten im Bereich des informellen Lernens. Vor allem