Schon John Dewey, der den Begriff “informal learning” in die wissenschaftliche Diskussion einbrachte, stellte das informelle Lernen dem schulischen Lernen gegenüber. Die Schule stand daher lange als prototypisches Beispiel für das formelle Lernen, während das informelle Lernen als ein Lernen außerhalb der Schule beschrieben wurde. In der aktuellen Diskussion gibt es diese Gegenüberstellung kaum noch. Es wird hingegen allgemein davon ausgegangen, dass auch in der Schhule informell gelernt wird. Dieses Lernen wird dann mit dem Begriff des “heimlichen Lehrplans” in Verbindung gebracht. Wie unbewusst oder bewusst dieser heimliche Lehrplan dann letztendlich ist, ist eine interessante Frage.
In dem Buch “Bildung zu Hause” (engl. Education Children at Home) von Alan Thomas werden nun Einblicke gegeben, wie die Vermittlung schulischer Inhalte zu Hause stattfindet. In seiner Untersuchung von 100 Familien aus England und Australien stellte er fest,
“dass die formalen Strukturen, die im Klassenzimmer funktionieren, sich nicht einfach auf zu Hause übertragen lassen. Sie werden notwendigerweise zu Wegbereitern einer anderen Pädagogik, die dem Lernen zu Hause besser angepasst ist. Ihre Erfahrungen eröffnen ganz andere Sichtweisen auf Bildung und Lernen und stellen viele Grundannahmen der Fachleute zu Lehren und Lernen in Frage”.
Wichtiges Ergebnis dieses Untersuchung ist auch , dass dem informellen Lernen in diesem Kontext eine große Bedeutung zukommt.
So steht im Einleitungskapitel:
Der zweite Aspekt betrifft eher informelle und zufällige Anteile des individualisierten Lernens und Lehrens, die vor allem bei Unterhaltungen mit einem Erwachsenen auftreten (Thomas, 1994). Mit diesem Aspekt des Lernens machte ich Bekanntschaft, als ich mich zum ersten Mal mit einer Familie traf, die mich eingeladen hatte eine Woche ihres Alltagslebens mit ihnen zu verbringen.
Das Beeindruckendste während dieser Woche war für mich, dass zumindest an der Oberfläche nicht viel zu passieren schien, insbesondere im Vergleich mit dem Eindruck der entschlossenen Geschäftigkeit, den man beim Blick in ein übliches Klassenzimmer bekommt. Es gab weder einen Stundenplan noch ein gestaltetes Programm aufeinander folgender Lernaktivitäten im Rahmen eines aufgestellten Lehrplans. Wir machten
Spaziergänge. Die zwei Kinder im Alter von 11 und 13 Jahren lasen jedenfalls sehr viel. Sie verbrachten einige Zeit damit, an eigenen Projekten zu arbeiten. Es fanden unterschiedliche auswärtige Aktivitäten statt, einschließlich Übungen in einer Musikgruppe. Eines der Kinder machte ein Projekt über Säuglingsentwicklung und half einer Nachbarin bei der Versorgung ihres Neugeborenen. Sie trafen sich nach der Schule mit Freunden
und eines der Kinder beteiligte sich an einem Musikfestival einer Schule.
Jedenfalls beschäftigten sie sich nicht in der Weise mit Lernen, wie es Schulkinder tun. Dennoch lernten diese Kinder, wenn auch nicht in der von mir erwarteten Art des organisierten, individualisierten Unterrichts.
Informelles Lernen und die Vermittlung schulischer Inhalte schließen sich also nicht aus. Das Buches widmet sich in großen Teilen dem informellen Lernen und ist daher nicht nur für Eltern interessant.