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Blog-Archiv für December 2007

“Blackbox Lernprozess und informelle Lernszenarien”

von Matthias Rohs - 17. December 2007

Unter diesem Titel hat Gottfried S. Csanyi vom E-Learning Zentrum der TU-Wien auf der diesjährigen, 12. GMW-Tagung einen Vortrag zum informellen E-Learning an Universitäten gehalten. Im Abstract dazu heißt es:

Im Kontrast zu weit verbreiteten Auffassungen ist es aus der Sicht von Lernpsychologie und Hirnforschung nicht möglich, individuelle Lernprozesse exakt zu steuern. Im Gegenteil: der individuelle Lernprozess stellt sich als Blackbox dar, deren Output immer wieder nur erstaunt zur Kenntnis genommen werden kann. Alle Versuche, dieses Problem zu lösen, erweisen sich regelmäßig als Ressourcenverschwendung. Als deutlich effizienter könnte es sich hingegen erweisen, informelle Lernformen als Methode der Wahl massiv einzusetzen und somit den – ohnehin unrealistischen – Kontrollanspruch als Lehrende endgültig aufzugeben.

Provokant, provokant! Ich stimme auch nicht allem zu, was im Vortrag postuliert wird. Wichtig ist mir aber das Thema um das es geht und die Fragen die damit verbunden sind. Aus dieser Perspektive lohnt es sich allemal den Vortag hier anzusehen … und wenn man schon nicht reinschauen kann, so kann man die Blackbox wenigstens mal von außen betrachten. Viel Spaß dabei.

Veröffentlicht unter E-Learning, Veranstaltungen

Im Dialog mit Jay Cross auf der Online Educa

von Gast - 10. December 2007

Gastbeitrag von Mandy Schiefner

An der Online Educa habe ich an einem Themenlunch mit Jay Cross teilgenommen. Es war ein interessantes Meeting, auch wenn das eigentliche Thema, nämlich Web 2.0 und informal learning, eigentlich sehr kurz kam.
Am Tisch saßen neben mir vor allem Leute aus dem Corporate-Bereich, die ganz andere Fragen hatten als ich, Vertreterin einer Hochschule. Ihnen ging es vor allem um das Managen und das Messen informellen Lernens. Wie kann man informal learning in Unternehmenskontexte einbinden und strategisch nutzen? Hier hatte Jay Cross eine recht plausible Anwort: «Control is an illusion». Informelle Lernprozesse im Unternehmen sind kaum zu kontrollieren und nur sehr schwer zu messen. Hauptziel sollte es sein, den Mitarbeitenden überhaupt Raum für Lernprozesse zu geben. Eine Steuerung ist so gut wie unmöglich. Wichtig sei vor allem die Integration von formellem und informellem Lernen: jede dieser Formen sollte seine Zeit, sein Thema und einen Ort im Unternehmen haben.
Ziemlich schnell kamen wir darüber auf ein anderes Thema, das uns als Konferenzteilnehmende direkt betraf; nämlich das informal learning auf Konferenzen. Hier haben wir uns vor allem über die kulturellen Unterschiede amerikanischer und europäischer (deutsche) Konferenzen ausgetauscht:
Wir kamen zu dem Ergebnis, dass europäische Konferenzen sehr starr organisiert sind: man weiß meist, was man gesagt bekommt, die Themen sind wenig innovativ, die Vorträge eher belehrend. Unter diesen Voraussetzungen dienen die Konferenzen vor allem dazu, anhand von Gedanken, Ideen, Anregungen aus den Vorträgen die eigene berufliche Praxis zu reflektieren. Erst hier hat man die Zeit dazu, die im beruflichen Alltag fehlt.
Amerikanische Konferenzen sind dagegen sehr unstrukturiert, es gibt kaum vorgegebene Themen. Hier dominiert der Diskurs zwischen den Teilnehmenden. Mittlerweile gibt es diese Trends aber auch in Europa, zu denken sei an Open Space und Barcamps. Diese Methoden leisten einen wichtigen Beitrag zum informal learning: durch einen Blick über den Tellerrand, durch anregende Gespräche und Diskussionen untereinander und durch Zeit und Raum für Reflexion.
Auch der Themenlunch selber war wieder einmal eine gute Gelegenheit, informell zu lernen.
Also dann, bis zur nächsten Online-Educa 2008.

Mandy Schiefner

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Bildung zu Hause

von Matthias Rohs - 3. December 2007

Schon John Dewey, der den Begriff “informal learning” in die wissenschaftliche Diskussion einbrachte, stellte das informelle Lernen dem schulischen Lernen gegenüber. Die Schule stand daher lange als prototypisches Beispiel für das formelle Lernen, während das informelle Lernen als ein Lernen außerhalb der Schule beschrieben wurde. In der aktuellen Diskussion gibt es diese Gegenüberstellung kaum noch. Es wird hingegen allgemein davon ausgegangen, dass auch in der Schhule informell gelernt wird. Dieses Lernen wird dann mit dem Begriff des “heimlichen Lehrplans” in Verbindung gebracht. Wie unbewusst oder bewusst dieser heimliche Lehrplan dann letztendlich ist, ist eine interessante Frage.

In dem Buch “Bildung zu Hause” (engl. Education Children at Home) von Alan Thomas werden nun Einblicke gegeben, wie die Vermittlung schulischer Inhalte zu Hause stattfindet. In seiner Untersuchung von 100 Familien aus England und Australien stellte er fest,

“dass die formalen Strukturen, die im Klassenzimmer funktionieren, sich nicht einfach auf zu Hause übertragen lassen. Sie werden notwendigerweise zu Wegbereitern einer anderen Pädagogik, die dem Lernen zu Hause besser angepasst ist. Ihre Erfahrungen eröffnen ganz andere Sichtweisen auf Bildung und Lernen und stellen viele Grundannahmen der Fachleute zu Lehren und Lernen in Frage”.

Wichtiges Ergebnis dieses Untersuchung ist auch , dass dem informellen Lernen in diesem Kontext eine große Bedeutung zukommt.

So steht im Einleitungskapitel:

Der zweite Aspekt betrifft eher informelle und zufällige Anteile des individualisierten Lernens und Lehrens, die vor allem bei Unterhaltungen mit einem Erwachsenen auftreten (Thomas, 1994). Mit diesem Aspekt des Lernens machte ich Bekanntschaft, als ich mich zum ersten Mal mit einer Familie traf, die mich eingeladen hatte eine Woche ihres Alltagslebens mit ihnen zu verbringen.
Das Beeindruckendste während dieser Woche war für mich, dass zumindest an der Oberfläche nicht viel zu passieren schien, insbesondere im Vergleich mit dem Eindruck der entschlossenen Geschäftigkeit, den man beim Blick in ein übliches Klassenzimmer bekommt. Es gab weder einen Stundenplan noch ein gestaltetes Programm aufeinander folgender Lernaktivitäten im Rahmen eines aufgestellten Lehrplans. Wir machten
Spaziergänge. Die zwei Kinder im Alter von 11 und 13 Jahren lasen jedenfalls sehr viel. Sie verbrachten einige Zeit damit, an eigenen Projekten zu arbeiten. Es fanden unterschiedliche auswärtige Aktivitäten statt, einschließlich Übungen in einer Musikgruppe. Eines der Kinder machte ein Projekt über Säuglingsentwicklung und half einer Nachbarin bei der Versorgung ihres Neugeborenen. Sie trafen sich nach der Schule mit Freunden
und eines der Kinder beteiligte sich an einem Musikfestival einer Schule.
Jedenfalls beschäftigten sie sich nicht in der Weise mit Lernen, wie es Schulkinder tun. Dennoch lernten diese Kinder, wenn auch nicht in der von mir erwarteten Art des organisierten, individualisierten Unterrichts.

Informelles Lernen und die Vermittlung schulischer Inhalte schließen sich also nicht aus. Das Buches widmet sich in großen Teilen dem informellen Lernen und ist daher nicht nur für Eltern interessant.

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