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Blog-Archiv für January 2008

Grand Tour – Informelles Lernen aus Reisen

von Matthias Rohs - 30. January 2008

undefined Wie sagte doch Mark Twain: “Reisen ist tödlich für Vorurteile“. Ist dem wirklich so, oder werden sie nicht eher bestätigt, weil man auf Reisen nur das sieht, was man auch sehen will? Die Reise in ein anderes Land bietet zumindest die Möglichkeit, durch direkte Erfahrungen sich ein realistisches und differenziertes Bild über “Land und Leute” zu machen.

In ihrem Buch “Touristische Gastfreundschaft in “good old Germany” thematisiert Dagmar Buck das informelle Lernen auf Reisen. Dabei untersucht sie speziell die Wahrnehmung touristischer Dienstleistungen in Deutschland bei amerikanischen Touristen. Das Buch ist damit an der Schnittstelle zwischen pädagogischen, ethnologischen, interkulturellen und ökonomischen Fragestellungen angesiedelt, was vielleicht auch der Grund dafür ist, dass es in der Diskussion zum informellen Lernen bisher nicht in Erscheinung getreten ist. Dabei wird von Seite zu Seite der untrennbare Zusammenhang zwischen Reisen und Lernen deutlicher. Angefangen von den Pilgerreisen (die ja gerade wieder an Beliebtheit gewinnen), über die Walz der Handwerker, die “Grand Tour” adliger junger Männer im 17. und 18. Jahrhundert, bis hin zu Bildungs- und Studienreisen gibt es dazu eine lange und hoch interessante Geschichte.

Dagmar Buck betrachtet in ihrem 16! Kapitel umfassenden Buch zunächst die Grundbegriff und geht auf Informelles Lernen, Interkulturelles Lernen, Ethno- und Kulturzentrismus, Gastfreundschaft, Dienstleistungen und Service, Stereotype und Vorurteile ein und betrachtet anschließend noch die Sichtweise der Amerikaner auf Deutschland. Dabei kann es passieren, dass der Leser in der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themen den Fokus der Arbeit aus dem Auge verliert. Liegt es an der ausführlichen Darstellung der Themen oder daran, dass das Thema zu komplex ist?Angesichts der Breite der Themen ist es erstaunlich, wie fundiert die Nicht-Pädagogin Buck in das informelle Lernen einführt (zu den andern Bereichen kann hier leider keine Auskunft gegeben werden). Lediglich die Betrachtung der internationalen Forschung kommt mit knapp zwei Seiten etwas kurz weg. So bleibt auch immer das Gefühl, dass diese Arbeit nicht den singulären Status hat, der suggeriert wird. Der Fokussierung auf das informelle Lernen ist es wohl auch geschuldet, dass keine Bezüge zur Reisepädagogik aufgegriffen werden, die für die Behandlung des Themas sicherlich interessant gewesen wären.

Empirisch überzeugend ist die Triangulation von leitfadenorientierten Interviews, teilnehmender Beobachtung und Fragebogenerhebung. Insbesondere die teilnehmende Beobachtung ist ein wichtiger Bestandteil zur Analyse informellen Lernens. Leider wird auf die Auswertung der so gewonnenen qualitativen Daten nur sehr knapp eingegangen.

Im Ergebniskapitel werden die Sichtweisen der Amerikaner auf Deutschland und ihre Erkenntnisse, die sie im Laufe der Reise gewonnen haben, differenziert nach Kategorien wie “Einkaufen”, “Restaurant” oder “Hotel” dargestellt. Dies ist in weiten Teilen sehr amüsant, werden doch alte Vorurteile bestätigt: Die Deutschen sind fleißig, intelligent, pünktlich usw. Teilweise wirken die Erkenntnisse aber auch banal, wie “In Deutschland gibt es weniger dicke Menschen oder das Servicepersonal spricht kein Englisch”. Aber vielleicht kommt es auch nicht darauf an was gelernt wurde, sondern dass gelernt wurde und in der Auseinandersetzung mit Deutschland und den Deutschen ein realer Eindruck gewonnen wurde, der nicht auf dem Stand von 1945 beruht. 

Genau hier setzt dann auch die Betrachtung der Einflussfaktoren auf das informelle Lernen auf Reisen an: Es kommt auf die Begegnung an und die unmittelbare Auseinandersetzung mit den Menschen. Gerade dies ist aber in geführten Reisen, die bei Amerikanern beliebter sind als Individualreisen,  weniger der Fall. So hört das informelle Lernen auch zumeist oft dort auf, wo die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Lernen, auch das informelle Lernen, bedarf einem Interesse an der Auseinandersetzung.  Wenn dies nicht gegeben ist, können die Rahmenbedingungen noch so anregend sein, informelles Lernen wird dennoch nicht stattfinden.

Das Buch “Touristische Gastfreundschaft in good old Germany”  von  Dagmar Buck ist in hohem Maße interessant und behandelt ein für das informelle Lernen noch wenig beleuchteten Gegenstand. Der interdisziplinäre Blickwinkel zwischen Pädagogik und Tourismuswirtschaft fördert neue Einsichten und Zusammenhänge zu Tage, führt aber auch dazu, dass die Fokussierung verloren geht und es bei einer oberflächlichen Betrachtung bleibt. Damit ist es aber auch ein für Praktiker verständliches Buch, die sich mit dem (informellen) Lernen auf Reisen beschäftigen wollen.

Buck, D. (2005). Touristische Gastfreundschaft in “good old Germany” – Wahrnehmungen touristischer Dienstleistungen durch US-amerikanische Gäste. Münster: Waxmann. 

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Informelles Lernen in der Pflege

von Matthias Rohs - 27. January 2008

Steffen Kirchhof hat mit seiner beim Waxmann Verlag erschienenen Dissertation “Informelles Lernen und Kompetenzentwicklung für und in beruflichen Werdegängen” ein beispielhaftes Buch zum informellen Lernen in der beruflichen Bildung geschrieben.Am Beispiel der Krankenpflegeberufe analysiert er die dort stattfindenden informellen Lernprozesse und leitet daraus Konsequenzen für die pädagogisch-didaktische Aus- und Weiterbildung ab. Damit ist es eines der wenigen Bücher, die den Blick weg von der Zertifizierung und der Untersuchung von Anteil und Umfang informellen Lernens auf die darunter liegenden Ebenen der Prozesse und Kompetenzen richten.

Die Bedeutung informellen Lernens in den Pflegeberufen ist nach Kirchhof vor allem darauf zurückzuführen, “dass der Pflegeberuf in Hinblick auf seine vielfältigen menschlichen Anforderungen (…) gar nicht anders als in einem hohem Maße informell gelernt werden kann.” (S. 18). “…wo (klinische) Informationslagen ständig wechseln, kritische Situationen sofort erkannt, schnelle Einschätzungen und Entscheidungen sofort getroffen werden müssen, sind es Intuition, Erfahrungen und implizites Wissen, welches hier die Grundlage für kompetentes, professionelles Handeln bilden (…).”

Kirchhof geht es in seiner Arbeit nicht nur darum, die Bedeutung informellen Lernens für den Erwerb beruflicher Handlungskompetenz in der Pflege zu analysieren, sondern auch notwendigen Supportstrukturen für informelles Lernen zu identifizieren. Damit ist schon angedeutet, dass es dem Autor nicht um eine einseitige Sichtweise geht, die allein auf das informelle Lernen gerichtet ist. Ziel ist es vielmehr auf eine Synthese formellen und informellen Lernens hinzuarbeiten. 

Zur Beantwortung der damit verbundenen Fragestellungen wählt Kirchhof den Weg einer qualitativ-explorativen Studie unter Verwendung biografisch orientierter narrativer Interviews (14 Interviews mit erfahrenen Pflegekräften). Diese Herangehensweise wirkt nicht sonderlich innovativ, macht aber den Bedarf an geeigneten Methoden zur Erforschung informellen Lernens deutlich.

Nach einem umfangreichen ersten Teil, in dem der theoretische Bezugsrahmen informellen Lernens in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion dargelegt wird, folgt der empirische Teil, in dem die Ergebnisse der Datenauswertung (Grounded Theory) und die daraus entwickelten Hypothesen vorgestellt werden. Die dafür verwendeten Interviewsequenzen geben dabei sehr plastisch den (Lern)Alltag in der Pflege wieder und machen die hohe Bedeutung informellen Lernens in diesem Bereich deutlich. Die Hypothese, dass “ein großer Teil des notwendigen Fallverstehens und der hermeneutisch-lebenspraktischen Kompetenz durch informelle Lernprozesse entwickelt und Anteile des Theorieverstehens in Hinblick auf die wissenschaftliche Kompetenz der Pflege in ihrem Praxistransfer durch informelle Lernprozesse unterstützt werden” (S. 170), konnte dabei sehr eindrücklich bestätigt werden. Zur Förderung der Integration informellen Lernens in die berufliche Bildung wurden darüber hinaus die “Förderung der kulturellen Rahmenbedingungen” und der “(selbst)reflexiver Verarbeitungsformen”, sowie die Verbindung von praktischer Erfahrung und theoretischer Analyse herausgearbeitet (S. 173).

Wie auch schon im Titel der Publikation deutlich wird, liegt die Stärke des Autors nicht in fokussierten Formulieren. Dies ist jedoch die einzige Kritik eines sehr lesenswerten Buches zum informellen Lernen, das am Beispiel der Pflegeberufe die Bedeutung informellen Lernens für die berufliche Aus- und Weiterbildung auf einem qualitativen Weg nachweist. Dabei ist es aufgrund der umfangreichen Einführung in die Thematik und der theoretischen Reflexion der Ergebnisse ein Buch, das für die berufliche Bildung von allgemeiner Bedeutung ist. 

  Kirchhof, S. (2007). Informelles Lernen und Kompetenzentwicklung für und in beruflichen Werdegängen: Dargestellt am Beispiel einer qualitativ-explorativen Studie zu informellen Lernprozessen Pflegender und ihrer didaktisch-pädagogischen Implikationen für die Aus- und Weiterbildung. Münster: Waxmann-Verlag. 

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Informelles Lernen in der Lehrerbildung

von Matthias Rohs - 20. January 2008

Wie schon hier berichtet, gab es in der Ausgabe 4/07 der Zeitschrift für Erziehungswissenschaften einen Beitrag von Maren Heise zum Thema Professionelles Lernen jenseits von Fortbildungsmaßnahmen.
In diesem Beitrag geht sie ausführlich auf das informelle Lernen von Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland ein. (Eine gekürzte Fassung dazu findet sich auf unserer Website hier.)
Von dieser Berufsgruppe wird, so Heise, eine “selbstgesteuerte Entwicklung ihrer Kompetenzen erwartet” (S. 514). Doch wie sieht es in der Praxis aus? Die Fachlitertur deutet auf eine eher mangelhaft ausgebildetet Selbstlernpraxis der Lehrerinnen und Lehrer und wenig Fortbildungsaktivitäten hin (S. 516).
In Ihrer Untersuchung hat Heise auf verschiedene Studien zurückgegriffen (Mikrozensus, Erwärbstätigenbefragungen des Bundseinstituts für Berufsbildung u. a.) und diese sekundäranalytisch ausgewertet. Dabei stellte sie das informelle Lernen der Lehrerinnen und Lehrer dem informellen Lernen anderer akademischer Berufsgruppen (Ärzte, Ingenieure, Juristen) gegenüber. Dabei zeigte sich, dass Ärzte und Lehrer deutlich stärker informell lernen als Juristen und Ingenieure, wobei insgesamt eine Zunahme des informellen Lernens in allen genannten Berufsgruppen deutlich wurde (S. 522).
Dabei ist jedoch zu beachten, dass der Anteil informellen Lernen nicht nur von der individuellen Motivation und der beruflichen Notwendigkeit, sondern auch von den Rahmenbedingungen abhängt. In diesem Zusammenhang bin ich auf eine (etwas ältere) Arbeit von Margeret C. Lohmann gestoßen, die die Rahmenbedingungen informellen Lernens für Lehrerinnen und Lehrer in den USA untersucht hat. Dabei stellte sich vier Faktoren heraus, die besonderen Einfluss auf das informellen Lernen haben:
a) Lack of time for learning
b) Lack of proximity to learning resources
c) Lack of meaningful rewards for learning
d) Limited decision-making power in school management
Die Autorin weist ausdrücklich darauf hin, dass die Situation von Lehrerinnen und Lehrern in Europa andere sind und damit die Bedeutung der Faktoren sich auch unterscheiden können. Ungeachtet der individuellen Bedeutung halte ich diese Faktoren jedoch ingesamt für bedeutsam und einen Anhaltspunkt für die Verbesserung der Rahmenbedingungen für informelles Lernen von Lehrkräften.

Heise, M. (2007a). Informelles Lernen von Lehrkräften. Im Internet: http://www.informelleslernen.
de/fileadmin/dateien/Informelles_Lernen/Texte/Heise_2007.pdf

Heise, M. (2007b). Professionelles Lernen jenseits von Fortbildungsmassnahmen. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 10 (4), 513-531.

Lohmann, M. C. (2000). Environmental Inhabitors to Informal Learning in the Workplace: A Case Study of Public School Teachers, In Adult Education Quarterly, 50, Nr. 2, S. 83-101.

Veröffentlicht unter Veröffentlichungen

Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in Österreich

von Matthias Rohs - 16. January 2008

Kumpfmüller, B. & Morgan, H. (2007). Erkennen und Anerkennen: Informelle Komptenzen und lebenslanges Lernen. Linz: Edition pro mente.

img024.jpgDie Anerkennung informell erworbener Kompetenzen ist ein europäisches Thema, auch wenn der Entwicklung in den einzelnen europäischen Staaten sehr unterschiedlich vorangeschritten ist. Während Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Finnland und die Schweiz als vorbildlich hervorgehoben werden, ist der Status in den anderen Ländern weitgehend unbekannt. Umso interessanter ist die Publikation von Kumpfmüller & Morgan, die einen Überblick über die Situation in Österreich gibt.

In ihrem Buch berichten sie über die Ergebnisse eines Forschungsprojekts, das sich der Erhebung und Analyse österreichischer Modellprojekte zur Kompetenzerfassung- und anerkennung, der Rolle der Kompetenzerfassung für regionale Vereine, Studium und Beruf annimmt (S. 7).

Die Tatsache, dass zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in Österreich bisher wenig bekannt war, lag nach Meinung der Autoren wohl daran, dass das Thema von Politik und Fachöffentlichkeit lange wenig beachtet wurde (S. 15). Erst im Rahmen der zunehmenden Bedeutung im Rahmen der europäischen Bildungspolitik kam es auch hier auf die bildungspolitische Agenda. In den Leitlinien einer kohärenten LLL-Strategie für Österreich bis 2010 heißt es, dass “nicht-formale bzw. informelle Kompetenzen voll anerkannt werden” müssen. So gehört die “Entwicklung von Kompetenzportfolioinstrumenten zur Anerkennung von insbesondere informell erworbenen Wissen und Fähigkeiten” zu den Eckpfeilern einer innovativen LLL-Politik in Österreich.

In der Praxis wird die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen u. a. durch das neue Fachhochstudienschulgesetz umgesetzt, nach dem die Zulassung zum Fachhochschulstudium auch ohne Reifeprüfung möglich sein soll. Darüber hinaus werden im Buch fünf verschiedene Verfahren zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen vorgestellt:

  • Kompetenzprofil der VHS-Linz
  • ProfiS – Kompetenz-Check
  • Portfolio des Ring Österreichischer Bildungswerke
  • Kompetenzprofil des Zukunfstzentrums Tirol
  • Quali-Box der BIFO Vorarlberg
  • Bei der Entwicklung der unterschiedlichen Verfahren wurde sich eng an den internationalen Erfahrungen orientiert, wobei Modelle aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland als Basis herangezogen wurden (S. 69).

    Bei aller Unterschiedlichkeit der methodischen Vorgehensweisen zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in Österreich “sind gewisse gemeinsame Prinzipien erkennbar. Dazu gehören etwa das Wechselspiel zwischen Eigenarbeit und Betreuung sowie der Weg von der Reflexion über die Bewusstwerdung hin zur Strukturierung und Dokumentation.” (S. 91). Trotz dieser Gemeinsamkeiten ist “ein gemeinsames Vorgehen, etwa in Richtung allgemeiner Standards oder eines öffentlichkeitswirksamen Netzwerks” bislang nicht in Sicht (S. 93).

    Das Buch bietet eine schnelle Übersicht über den Stand zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in Österreich. Da sich nach eigenem Bekunden eher an der internalen Diskussion orientieret wird, als eigene Wege zu gehen, ist jedoch für den Experten und die Expertin mit wenig Neuem zu rechnen. Dennoch läßt sich mit der Lektüre eine Lücke in der Betrachtung der europäischen Entwicklung in diesem Feld schließen.

    Veröffentlicht unter Veröffentlichungen

    “80 Prozent” oder was auch immer

    von Matthias Rohs - 15. January 2008

    Hier habe ich über die Scope 07 berichtet, auf der das informelle Lernen auch ein Schwerpunkt war. Nun wurde das auch grafisch sehr ansprechende Booklet zur Tagung hier kostenlos zum Download bereitgestellt. Doch die Erkenntnisse zum informellen Lernen halten sich in Grenzen. Insbesondere Behauptungen wie

    “80 Prozent des Wissens, das Mitarbeiter von Einrichtungen und Unternehmen an ihren Arbeitsplätzen einsetzen, seien nicht durch Schule, Studium, Aus- oder Weiterbildung erworben worden, sondern beim Plausch in der Kaffeeküche, in der Kantine oder auf dem Flur – durch informelles Lernen also.”

    werfen bei mir immer wieder Fragen auf. Woher stammt diese Zahl? Auf welche Untersuchung wird sich bezogen? Weit verbreitet und immer wieder zitiert sind auch die ominösen 70% (Dohmen 2001, S. 7), die mit reichlich Quellen belegt sind, die wiederum zumeinst auf Schätzungen beruhen und denen sehr unterschiedliche Definitionsansätze des Begriffs informelles Lernen zugrunde liegen. Gerne wird sich auch auf den Faure-Report bezogen, in dem aber ebenfalls der Anteil informellen Lernens nur geschätzt wird. (Nebenbei findet sich auch in keiner mir bekannten Publikation, die auf die 70% des Faure-Reports referenziert, eine Seitenangabe zu dieser Zahl.)
    Aktuell wäre noch Jay Cross zu erwähnen, der auch gerne von “the other 80%” spricht, und in seinem Buch “Informal Learning” auch zahlreiche Studien anführt, die das belegen (sollen). Tatsächlich ist es aber so, dass die von ihm angeführten Studien keine 80% nachweisen, sondern 70%, 75%, 85%-90% usw. An dieser Stelle könnte man noch mit großzügigen Rundungen und Mittelwerten argumentieren. Schaut man sich dagegen weiter um, sind auch Anteile zwischen 40% und 45% mehrfach in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen.

    Die Abhängigkeit von Kontext, den Personen und Definitionsansätzen wird zum Zweck einer schlagkräftigen These vollkommen ignoriert. Es ist notwendig, genauer hinzusehen – und das ist keine akademische Diskussion. Der Anteil informellen Lernens ist nicht immer und überall gleich und Verallgemeinerungen, wie die oben erwähnte, helfen in der Auseinandersetzung nicht weiter. Sie unterstützen einen Hype, der genauso schnell wieder geht, wie er gekommen ist und argumentieren in ihrer Oberflächlichkeit auch für jeden beliebigen Zweck: So auch für Einsparungen im Bildungsbereich, wenn sich die Investitionen in formale Bildung angeblich so wenig rentieren.

    Veröffentlicht unter Veröffentlichungen

    Grenzenlose Cyberwelt für alle?

    von Matthias Rohs - 12. January 2008

    Kompetenzzentrum Informelle Bildung (Hrsg.) (2007). Grenzenlose Cyberwelt? Zum Verhältnis von digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

    Informellen Lernkontexten wird in der allgemeinen Bildungsdebatte eine große Bedeutung für das Lernen zugewiesen. Dabei spielt das Internet eine wichtige Rolle, da es in einem großen Umfang Informationen zur Verfügung stellt und eine enorme Bandbreite an Kontakt- und Vernetzungsmöglichkeiten bietet. Diese werden zu großen Teilen auch im Rahmen informellen Wissenserwerbs genutzt. Das Internet kann somit neben unmittelbaren Erfahrungssituationen als ein „Ort“ informellen Lernens betrachtet werden.
    Doch das Internet als Wissensressource wird nicht von allen gleich genutzt, woraus sich soziale, kulturelle und wirtschaftliche Unterschiede (bzw. Benachteiligungen) ergeben. Diese Annahme wird unter dem Begriff der digitalen Ungleichheit (auch digital divide) diskutiert und erforscht. Damit stellt die digitale Ungleichheit eine auf das Internet bezogene Weiterführung der Wissensklufthypothese (Knowledge Gap) dar, die seit den 1970er Jahren im Kontext der Massenmedien geführt wird.
    Aufgrund der unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten und -gewohnheiten des Internet wäre anzunehmen, dass der Digital Divide vor allem im Kontext der Nord-Süd-Debatte oder zwischen Älteren und Jüngeren von Bedeutung ist. Allerdings zeigt sich auch bei der so genannten „Net Generation“, dass längst nicht alle Jugendlichen „Digital Natives“sind.
    Genau hier setzt das Buch „Grenzenlose Cyberwelt?“ an. Es zeigt auf, wie diese Ungleichheit in der Nutzung des Internet als Wissensressource bei Jugendlichen aussieht. Die besondere Qualität des Sammelbandes liegt dabei darin, dass es nicht nur die Diskussion im deutschsprachigen Raum (Deutschland und Schweiz) zusammenfasst, sondern durch Beiträge von Autorinnen und Autoren aus den USA, Australien, Israel und Großbritannien das Thema aus einer internationalen Perspektive beleuchtet.
    Beispielhaft hervorgehoben sei der Artikel der Herausgeber Iske, Klein, Kutscher & Otto vom Kompetenzzentrum informelle Bildung der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld. In ihrem Beitrag stellen sie die Ergebnisse einer repräsentativen empirischen Untersuchung zur „Internetnutzung Jugendlicher und digitaler Ungleichheit“ vor. Dabei wurden u. a. Zusammenhänge zwischen Internetnutzung und Bildungsabschluss sowie dem Bildungshintergrund der Eltern gefunden. Im Gegensatz zu diesen (nicht überraschenden) Ergebnissen zeigte sich aber auch, dass Jugendliche mit formal geringeren Bildungshintergrund häufiger chatten und proportional zu den Nutzern ebenso häufig bloggen und sogar häufiger in Wikis schreiben als formal höher qualifizierte Jugendliche. Unterschiede zeigen sich somit nicht nur darin, welche Angebote von den Jugendlichen genutzt werden, sondern auch wie diese genutzt werden. Dies ist wiederum stark vom sozialen Kontext abhängig und kann bereits bestehende Unterschiede im Sinne einer Bildungsbenachteiligung verfestigen.
    Um dem entgegenzuwirken sind nach Ansicht der Autoren sowohl Interventionen innerhalb des Internet (zielgruppensensible Angebotsgestaltung) als auch außerhalb des Internet (nonformale, an den Interessen der Jugendliche orientierte und zur gesellschaftlichen Teilhabe motivierende Interventionen) notwendig.
    Das Buch „Grenzenlose Cyberwelt?“ verweist auf ein Thema, dass sowohl in der Diskussion zum informellen Lernen, als auch im Bereich E-Learning bisher nur am Rande Beachtung fand. Es macht deutlich, dass Ungleichheit nicht nur im Bildungssystem zu finden ist, sondern sich auch im Rahmen informeller Lernprozesse fortsetzt. Damit verweist es auch auf den Zusammenhang zwischen formellem und informellem Lernen, in dem das Internet eine wesentliche Rolle spielt. Die Publikation leistet damit insgesamt einen äußerst wichtigen Beitrag sowohl für den Bereich informellen Lernens, als auch für das E-Learning, in denen dieses Thema bisher nur am Rande Beachtung fand.

    Veröffentlicht unter Veröffentlichungen

    Research Methods in Informal and Mobile Learning: How to get the data we really want

    von Gast - 10. January 2008

    Gastbeitrag von Christoph Pimmer

    Am 14. Dezember 2007 lud das Centre for Work-based Learning and Education (WLE) am Institute of Education in London zu einem Workshop über Forschungsmethoden zu informellem und mobilem Lernen ein. Der Workshop war in drei optionale Themenstränge mit Kurzreferaten und Diskussionen gegliedert: Theorie, Praxis, sowie Methoden und Tools.
    Drei Keynotes von Mike Sharples, David Livingstone und Mizuko Ito sorgten für zusätzliche Impulse. Die beiden Letztgenannten wurden per Videokonferenz aus Kanada bzw. Kalifornien zugeschaltet. Im Folgenden werde ich auszugsweise Eindrücke und interessante Statements aus den Keynotes von Sharples und Livingstone beschreiben:

    Mike Sharples, Professor für Educational Technology, stellte u.a. Evaluationsmethoden für mobiles Lernen aus seinen Projekten vor. Relativ einfach könne man heutzutage Usability mit Labortests oder durch heuristische Verfahren evaluieren. Bedeutend schwieriger sei es, den Nutzen resp. das Nutzungsverhalten des mobilen Lernens zu messen. Das hänge stark von den didaktischen Zielsetzungen und dem Kontext ab. Sharples nannte diverse Methoden wie feldbasierte Interviews und Beobachtungen. Er betonte vor allem die Critical Incident Studies: Dabei würden kritische Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse der Lernenden per Video sowie durch schriftliche Notizen festgehalten und anschliessend analysiert.
    Weitere Methoden seien Log- und Tagebücher, Telefonumfragen, Snap Polls, Fokusgruppen und automatisches Logging. Bei Letzerem würde festgestellt, wo die Mobilgeräte – wie genützt würden. Um das Ergebnis von Lernprozessen zu messen, schlug Sharples bekannte Verfahren wie Pre-Tests, Intervention, Kontrollgruppen, Post-Test etc. vor. Durch Umfragen (Attitude Surveys) sowie Microsoft’s Desirability Toolkit könnten schliesslich Rückschlüsse auf Einstellungen und Meinungen der Lernenden gewonnen werden. Interessant war seine Aussage, dass es bisher nur wenige überzeugende Studien über die Effektivität des mobilen Lernens gäbe. Viele der Publikationen basierten auf Meinungsumfragen und Interviews mit geringer Aussagekraft: „They said they enjoyed it“, oder „they look like they are learning“. Dies mag nach einigen Jahren intensiver Forschung zu mobilem Lernen verwunderlich scheinen, bestätigt jedoch die Notwendigkeit und Bedeutung des Workshops.

    David W. Livingstone, Professor am Department of Sociology and Equity Studies in Education fasste die Ergebnisse seiner Forschungstätigkeit über lebenslanges Lernen und Arbeiten in Kanada zusammen: Das organisierte Lernen nehme kontinuierlich zu. In Kanada stieg der Anteil dieses Lernen im Zeitraum von 1998 bis 2004 von 43% auf 45%. Auf die Frage, ob es Sinn mache Personen ständig weiterzubilden, verwies Livingstone auf die steigende Tendenz von Unterbeschäftigung und Überqualifizierung, die von mehreren Studien nachgewiesen wurde. 30% der Berufstätigen hätten höhere Qualifikationen als in ihrem Job erforderlich wären. Der Glaube, dass eine bessere formelle Ausbildung automatisch zu höherem wirtschaftlichem Wachstum führe sei historisch begründet, hätte aber heute keine Gültigkeit mehr. Aus- und Weiterbildung könnten keine wirtschaftlichen Probleme beseitigen. Die Lösung von arbeitspolitischen Problemen wären daher keine pädagogischen – sondern wirtschaftliche Reformen wie z.B. die Modifikation von Jobstrukturen, Job Enrichment, die Umverteilung von Arbeitszeit, die Demokratisierung der Arbeit sowie die Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten durch „Green Jobs“.
    Livingstone hob die Bedeutung von Aus- und Weiterbildungsinstitutionen bei der Förderung von sozial schwächeren Bildungsschichten wie z.B. bei der Bekämpfung des Analphabetismus hervor. Bei der Post Secundary Education sollte man vor allem die Wissenspezialisierung sowie die Vermittlung von interdisziplinären Fähigkeiten anstreben. Es gäbe immer einen Bedarf an interdisziplinär arbeitenden, hoch spezialisierten Arbeitskräften.
    Die Bedeutung von informellem Lernen bei Bewerbungsverfahren für Jobangebote würde – gemäss einer weiteren Aussage von Livingstone – stark unterschätzt. Allerdings sprächen jüngere Personen dieser Art des Kompetenznachweises – z.B. in Form von Lernportfolios – bereits grössere Bedeutung bei. Für weitere Informationen empfiehlt Livingstone die Webseite Wallnetwork.

    Alle Keynotes sind als Video von den Webseiten des WLE abrufbar: (Realplayer Plugin ist erforderlich)

    David Livingstone Low/ High
    Mike Sharples Low/ High
    Mizuko Ito Low/ High

    Veröffentlicht unter E-Learning, Veranstaltungen

    DGFE-Kongress im Zeichen des informellen Lernens

    von Matthias Rohs - 8. January 2008

    Das sich der diesjährige Kongress des Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGFE) dem informellen Lernen widmet, wäre wohl ein wenig übertrieben. Dennoch gibt es zwischen dem 16. und 19. März an der TU Dresden eine Reihe von Workshops, Symposien und Arbeitsgruppen, die sich mit dem informellen Lernen beschäftigen. So z. B. in

    • Informelles Lernen in Schulen als Beitrag zur Demokratiebildung (Dr. Hermann Josef Abs)
    • Family Literacy und Informelle Lernumfelder: Kulturrelevante Sprachkompetenzförderung von Migrantenkindern – und Jugendlichen (Dr. H. Julia Eksner)
    • Kulturen der informellen Bildung in der Freizeit (Prof. Dr. Norbert Meder)
    • Neue digitale Kultur- und Bildungsräume (Prof. Dr. Petra Grell & Prof. Dr. Winfried Marotzki)

    Also ein spannendes Programm für alle, die am informellen Lernen interessiert sind.

    Veröffentlicht unter Veranstaltungen

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