Rezension: Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement
von Matthias Rohs - 25. July 2008
Die Autoren sind keine Unbekannten im Bereich des informellen Lernens. Vor allem Claus Tully gehört zu den Pionieren des informellen Lernens im deutschsprachigen Bereich. Seit 2003 war er nun gemeinsam mit Wiebken Düx, Erich Sass und Gerald Prein im Projekt “Informelle Lernprozesse im Jugendalter in Settings des freiwilligen Engagements” des Deutschen Jugendinstituts (Projektseite) tätig. Gegenstand des Forschungsvorhabens waren die Bildungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener im Rahmen von „freiwilligem Engagement“.
Mit dem Buch “Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement” ist nun die Abschlußpublikation dieses Projekts beim VS-Verlag erschienen. Es stellt nicht nur angesichts der wenigen (empirischen) Forschungsergebnisse in diesem Feld einen enormen Gewinn dar, sondern kann Aufgrund der Breite und Tiefe der Auseinandersetzung wohl heute schon zu einem Standardwerk im Bereich des informellen Kompetenzerwerbs im freiwilligen Engagement gezählt werden.
Die dargestellten Ergebnisse des Projekts basieren auf zwei Untersuchungen:
- qualitativen Befragung durch leitfadengestützte Face-To-Face-Interviews bei 74 engagierten Jugendlichen im Alter von 15-22 Jahren sowie 13 ehemals Engagierten
- standardisierte Telefoninterviews bei 1500 ehemals engagierten Erwachsenen sowie als Vergleichsgruppe 552 Erwachsene der gleichen Alterskohorte, die in ihrer Jugend nicht engagiert waren
Die Ergebnisse werden in fünf Bereichen vorgestellt:
- Voraussetzungen und Motive für freiwilliges Engagement (Welche Motive gibt es zur Aufnahme eines Engagements?)
- Strukturelle und organisatorische Rahmenbedingungen freiwilligen Engagements (Gibt es in Settings des freiwilligen Engagements andere Lernmöglichkeiten als in anderen Lernfeldern?)
- Lern- und Entwicklungsprozesse (Wie und was lernen Jugendliche im freiwilligen Engagement?)
- Nachhaltigkeit von Lernerfahrungen und Kompetenzgewinn (Werden die Lernerfahrungen und Kompetenzen aus dem freiwilligen Engagement in zeitlich nachfolgenden Lebensphasen eingebracht?)
- Identitätsarbeit (Können die Jugendlichen, indem sie sich in Settings des freiwilligen Engagement bewegen, wesentliche Schritte zur Ausbildung einer eigenen Persönlichkeit realisieren?)
Die Ergebnisse lassen sich hier allenfalls ausgewählt und blitzlichtartig darstellen. So hat sich gezeigt, dass durch das freiwillige Engagement vor allem soziale und personale Kompetenzen, insbesondere im Bereich von Management- und Leitungsaufgaben entwickelt und gefördert werden. Ganz allgemein zeigte sich aber auch, “dass in ihrer Jugend engagierte Erwachsene bei allen erfragten Tätigkeiten über ein breiteres Spektrum von Erfahrungen und damit auch mehr Kompetenzen als früher Nicht-Engagierte verfügen.” (S. 263). Dies kann auch darauf zurückgeführt werden, dass in Organisationen des freiwilligen Engagements von Jugendlichen Aufgaben übernommen werden können (Leitung, Schulung, Organisation u. a.), die besondere Lernmöglichkeiten eröffnen und für die es in diesem Alter kaum Alternativen gibt. Gelernt wird im freiwilligen Engagement – trotz formaler Weiterbildungsangebote – in non-formalen und informellen Settings. Diese Lernchancen werden aber überwiegend von sozial gut integrierten deutschen Jugendlichen mit höherer Schulbildung genutzt.
Düx et al. bilanzieren selbst, ” dass sich die Settings des freiwilligen Engagements für junge Menschen als eine Lernwelt beschreiben (lassen), die durch die Verknüpfung gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme und individueller Lernprozesse besondere Chancen und Freiräume für die Entwicklung vielfältiger Kenntnisse und Fähigkeiten eröffnet, die für eine eigenständige und sozial verantwortliche Lebensführung sowie die Beteiligung an demokratischen Verfahren, aber auch für die Übernahme von Leitungs- und Managementaufgaben wichtig sind, in schulischen Settings jedoch kaum vorkommen. Informelle Lernprozesse im Engagement erfüllen demnach eine ergänzende Funktion zum Kompetenzerwerb Heranwachsender in der Schule.” (S. 273).
Es schließen sich Empfehlungen für Praxis, Politik und Wissenschaft an, die eine Brücke für den den Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis schlagen. Herausgreifen möchte ich an dieser Stelle aber nur die Desiderate für die Wissenschaft, in denen darauf verwiesen wird, dass im Unterschied zur schulischen Lernforschung kaum auf bewährte Instrumente und Verfahren zurückgegriffen werden kann. So ist es auch nur konsequent und wichtig, dass der methodischen Auseinandersetzung ein gesondertes Kapitel gewidmet wurde.
Wenn Düx et al. resümieren, dass sie “einen Schritt über bisherige Forschungsarbeiten zum informellen Lernen” hinausgehen, so kann ich hier nur Bescheidenheit feststellen. Das Buch ist mit Sicherheit ein Meilenstein für die Diskussion zum informellen Lernen im freiwiligen Engagement und so muss davon ausgegangen werden, dass “7-Meilen-Stiefel” getragen wurden. Die Autoren bewaren sich zudem bei aller wissenschaftlichen Tiefe und methodischen Präzision einen leicht verständlichen Ausdruck, der auch durch die unterschiedlichen Autorenschaft der Kapitel nicht beeinträchtigt wird. Gerne würde ich an dieser Stelle noch auf Defizite hinweisen, um meine positive Einschätzung zu unterstreichen. Doch leider kann ich nichts finden.
Quelle
Düx, Wiebken et al (2008). Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement – Eine empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter. Wiesbaden: VS-Verlag.


Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Unterrichtswissenschaft beschäftigt sich mit dem “Lernen im Museum”. Zwei der Beiträge thematisieren dabei verstärkt das informelle Lernen:
An dieser Stelle habe ich schon auf den Call für die Konferenz “Popular Education” hingewiesen. Zu diesem Zeitpunkt stand das Datum noch nicht definitiv fest. Nun habe ich mit den aktualisierten Calls (
