“Walk your talk” ist das Motto der Learntec 2009, also so viel wie “lebe das was du sagst” oder “auf Worte auch Taten folgen lassen”. In der Tat ist mein Eindruck, dass das Thema E-Learning und vor allem die Konferenzen lange von der Phantasie des Möglichen gelebt haben. Darunter waren viele schöne Ideen, die es dann letztlich doch nicht in die Praxis geschafft haben. Und so ist es wohl Zeit, die Dinge etwas realistischer zu betrachten.
Im Nachhinhein ist man natürlich immer schlauer und so könnte man sagen, dass die Entwicklung des E-Learning in Unternehmen vom Buzzword zum Buh-Wort vorhersehbar war. Viel zu oft stand das (technisch) Mögliche vor dem Sinnvollen. Das ist nun keine neue Erkenntnis und dennoch finde ich es bemerkenswert, dass nun auch eine der grossen deutschen E-Learning-Konferenzen in seinem Motto auch diesen “Weg der Erkenntnis” geht und statt auf Worte auf Taten oder zumindest das Machbare fokussiert.
Und dieser Weg beginnt in der Praxis, bei den Bedürfnissen der Schüler, Studierenden und Mitarbeiter. Und hier hat sich mit dem Web 2.0 gezeigt, wie sich Abseits des formalen E-Learning eine (Lern)Umgebung entwickeln kann, die den Bedürfnissen nach Kommunikation und Austausch gerecht wird. Und es kann sich die Frage gestellt werden, ob es nicht sinnvoller wäre und ist, sich bei den Überlegungen zur Zukunft des E-Learning an diesen informellen Lernstrukturen zu orientieren oder zumindest Schnittstellen und Links zwischen formellem und informellem Lernen zu finden.
Unter den Begriffen des Enterprise 2.0 und der University 2.0 werden solche Szenarien entwickelt und erprobt, wobei noch nicht absehbar ist, ob es Unternehmen wie Universitäten grundlegend verändern wird. Nicht selten wird dabei die neue “Net”-Generation der Studierenden als Argument ins Feld geführt, die den gewohnten Umgang mit neuen Technologien in die Bildungseinrichtungen und Universitäten bringen wird. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass das Fundament dieser Hoffnungen und Erwartungen nicht allzu fest ist.
Die Net-Generation erweist sich zwar als medienaffin, aber nicht in jedem Fall auch medienkompetent. Ob sie wirklich dem E-Learning an Hochschulen zum Durchbruch verhelfen werden ist fraglich – da sie oft auch nicht gefragt werden. So ist der Veränderungsdruck auch auszuhalten und es taucht auch schon mal die Frage auf, ob das informelle (e-)Lernen überhaupt einen Platz an einer Bildungseinrichtung hat. Oder werden wir mit den zunehmenden Möglichkeiten der Informationsbeschaffung, mit Wikipedia und Open Educational Resources zwei “Lernwelten” haben? Die formelle Lernwelt in der Universität und die informelle Lernwelt ausserhalb?
Ganz wird die Hochschule wohl den Entwicklungen nicht entgehen könen. Bei einem Vortrag in dieser Woche erzählte ein Teilnehmer (Hochschuldozent), welche Auswirkungen das Web auf seinen Unterricht hat: Wenn er eine Jahreszahl nur ungefähr eingrenzen kann, haben die Studierenden in Null-Komma-Nichts die genaue! Jahreszahl aus dem Netz gefischt. Nicht nur Ungenauigkeiten werden so schnell bestraft, sondern das Web wird als Argumentationsgegner der Dozierenden in den Hörsaal geholt. Die Folgen sind bisher noch nicht absehbar.
Und danach gehen die Studierenden in die Unternehmen und mit ihr zumindest teilweise auch jene, die als Digital Natives bezeichnet werden können. Fast zwangsläufig werden sie sich in wissensintensiven Dienstleistungsbereichen wiederfinden, wo nicht nur der Bedarf am schnellen Durchsatz der Informationen gross ist, sondern auch eine entsprechende Arbeitskultur zu finden ist, die die Freiräume für technologische Experimente und freie Zeiteinteilung zulassen. Dabei kann nicht davon ausgegangen werden, dass Unternehmen eine grosse informelle “Lernwiese” werden. Der always onlearn – äh online-Status der Mitarbeiter wird nicht ohne Zugeständnisse an Handlungsspielräume und vielleicht auch Macht möglich sein.
In meinem Vortrag auf der Learntec mit dem Titel “Informelles E-Learning und die neue Freiheit für das Lernen in Hochschulen und Unternehmen” werde ich die hier aufgezeigten Zusammenhänge unter die Lupe nehmen und das eine oder andere kritisch hinterfragen. Damit werde ich dann hoffentlich auch einen Beitrag zur Erdung des E-Learning leisten, wenn auch vielleicht mit einem Thema, dass sonst auf dem Kongress – bis auf den Vortrag von Meinrad Rombach zum Thema “Networking – the informal break” – wenig Erwähnung findet.
Nachtrag: Fast hätte ich übersehen, dass auch Jay Cross auf der Learntec ist und in einem Workshop über Chancen und Risiken virtueller Teams diskutiert. In diesem Zusammenhang wird er sicherlich auch was zum informellen Lernen sagen. Und wer ihn noch nicht auf der EduMedia oder der Online-Educa gesehen hat, erhält hier dann die Möglichkeit für ein Gespräch mit dem “Champion of Informal Learning”.