Auf Einladung des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung habe ich an der LMU München einen Gastvortrag zum informellen E-Learning an Hochschulen gehalten.
Trotz einer anwährenden Popularität des informellen E-Learnings, welche durch das Web 2.0 noch gepusht wurde, ist der Umfang an Forschungsarbeiten doch recht begrenzt. Dies hat schon Selwyn in einem Artikel 2007 festgestellt, so dass ich seit dem recht wenig getan zu haben scheint. Dies mag an zwei Dingen liegen. Zum einen ist das Thema nach wie vor schwer zu fassen. Die definitorische Auseinandersetzung hat zwar Fortschritte gemacht, von einer Klarheit des Begriffs und des Phänomens oder einer Systematisierung kann hingegen nicht gesprochen werden. Problem Nummer zwei, welches damit eng zusammenhängt, ist die Beobachtung, Messung oder allgemeiner die methodische Annäherung.
In meinem Vortrag habe ich explizit das informelle E-Learning an Hochschulen fokussiert, das Thema also stark eingeengt. Was kann man also sagen:
Zunächst einmal geht es um eine Beschreibung dessen, was eigentlich informelles Lernen an Hochschulen ist. Dies ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Erstens kann man unterschiedliche Personen betrachten. Betrachtet man die Hochschule als Ganzes, sind es nicht nur die Studierenden, sondern auch die Dozierenden, Forscher und auch Angestellte (z.B. in den Dienstleistungseinrichtungen), die betrachtet werden können. Dies auch nicht nur für sich, sondern auch in Interaktion miteinander, denn z.B. der Kontakt zwischen Studierenden und Dozierenden ist ja nicht in jedem Fall einem formalen Lernsetting zuzuordnen. Oft haben mir auch ProfessorInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen erzählt, dass sie ihre Art und Weise zu Lehren sich von ihren DozentInnen abgeschaut haben – dies ist dann eindeutig informelles Lernen. Aber auch in Forschungsprojekten können Studierende viel informell lernen.
Zum Zweiten geht es um den Ort. Was heisst diesbezügliche eigentlich informelles Lernen an Hochschulen? Ist der Ort des Lernens der Hörsaal? Oder der Campus? Oder der Praktikumsplatz? Oder die Kneipe, in der ich mich mit den Kommilitonen zur Prüfungsvorbereitung treffe oder bei einem Bier über das eine oder andere Thema der Vorlesung spreche? Oder ist es jeder Ort, an dem ich mich über das Internet oder in Büchern mit Studieninhalten beschäftige? Dies sind alles unterschiedliche Orte des informellen Lernens, die man in den Fokus nehmen kann
Eine dritte Dimension wären die Lerninhalte an sich. Lerninhalte klingen im ersten Moment stark nach formalem Lernen. Was kann man in Bezug auf die Lerninhalte informell lernen? Hier betrifft informelles Lernen an Hochschulen nicht nur die Studieninhalte, sondern vor allem auch Fragen zur Studienorganisation und –durchführung.
Letzter Aspekt wäre die Form, wie informell im Rahmen der Hochschule gelernt wird. Ich kann mich individuell informieren, sei es in Büchern, im Internet u.a. oder aber auch mit anderen kommunizieren und zusammenarbeiten.
Ein weiterer Punkt im Rahmen informellen Lernens an Hochschulen ist die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen . Zwar wird in diesem Zusammenhang vornehmlich die Anerkennung von Leistungen vor dem Studium zur Zulassung an ein Hochschule diskutiert, aber auch im Rahmen der Hochschullehre kann informelles Lernen in z.B. in (e)Portfolios dokumentiert werden.
Dieser Bandbreite an Themen könnte man sicherlich ein Buch widmen, daher will ich mich an dieser Stelle auf das studentische Lernen innerhalb von Lehrveranstaltungen konzentrieren. Informelles Lernen spielt hier, wie in der Schule, zum einen als heimlicher Lehrplan eine Rolle. Wie wird Wissenschaft präsentiert? Welches Wissenschaftsverständnis gibt es? Wie verhält man sich als Dozierender? Das sind nur einige Aspekte dessen, was neben den eigentlichen Fachinhalten noch vermittelt wird – sozusagen eine Einführung in die Wissenschaftskultur.
Informelles Lernen kann aber auch bewusst gefördert werden, indem den Studierenden Freiräume geschaffen werden. Methodisch bieten sich dafür Ansätze wie exploratives, forschungsbasiertes, problemorientiertes, situiertes, erfahrungs- oder projektorientiertes Lernen an, um nur einige zu nennen.
Mehr Freiheiten im Lernprozess bedeutet aber auch weniger Kontrolle über die Lernwege und –ergebnisse. Dies führt nicht nur zu Verunsicherungen bei den Dozierenden (ob die geplanten Lernziele erreicht werden), sondern auch bei den Studierenden (ob sie prüfungsrelevantes Wissen erwerben). Die Möglichkeiten sind jedoch vorhanden und es liegt in der Hand der Dozierenden und Studierenden, sie zu nutzen.
Wird die Frage des informellen Lernens im Hochschulkontext auf das E-Learning fokussiert, stellt sich die Frage, was eigentlich mit informellem E-Learning gemeint ist. Reicht es aus zu sagen, informelles E-Learning ist informelles Lernen mit IT-Unterstützung? Oder hat informelles E-Learning spezielle Eigenschaften?
Nach Hauske & Bendel (2007) greifen beim informelle E-Learning „Lernende via Computer und Internet auf ihm frei zugängliche Informations- und Lernangebote zu, die ihm bei der Lösung eines aktuellen Problems helfen oder die er zur Befriedigung eines akuten Informationsbedarfs benötigt.“ (Hauske & Bendel 2007).
In einer eigenen Expertenbefragung zum Verständnis informellen E-Learnings zeigte sich, dass technologisch neben Web 2.0/Social Software-Anwendungen und Google auch (traditionelles) E-Learning-Tools in Verbindung zum informellen Lernen gebracht werden. Zwar mag es auf den ersten Blick verwirrend sein, aber auch mit klassischen E-Learning-Tools kann informelles Lernen unterstützt werden, wenn sie im oben beschriebenen methodischen Sinne eingesetzt werden. Zahlreiche Plattformen gehen ohnehin den Weg, mehr Funktionalitäten anzubieten, die auch informelles Lernen ermöglichen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass auch Kommunikation und Kooperation oft als Aspekte informellen E-Learnings genannt wurden. Dies ist auch ein klarer Unterschied zu allgemeinen Definitionen informellen Lernens.
Neben Web 2.0-Anwendungen sind es darüber hinaus auch 3D-Welten (also z.B. Second Life) und Computerspiele, die mit dem informellem E-Learning in Zusammenhang gebracht werden. Second Life wird zwar schon hier und dort an Hochschulen eingesetzt, meines Erachtens nach aber vor allem in formal geprägten Settings. Über den Einsatz von Computerspielen an Hochschulen habe ich hingegen noch nichts gehört.
Doch welche Forschungsergebnisse stehen zum informellen E-Learning im Hochschulbereich zur Verfügung? Nicht viel, wie eingangs schon erwähnt. Vor allem Social Networks scheinen für die Forschung interessant zu sein. Eine aktuelle Studie von Madge et al. (2009) hat die Wirkung von Social Networks auf die Integration von Studienanfängern und das Lernen untersucht. Demnach werden Social Networks sehr intensiv zur Vernetzung an der Universität genutzt. Für das Lernen sind sie hingegen marginal. Dies bestätigen auch die Untersuchungen, die wir an der Universität Zürich durchgeführt haben. Danach nutzen gut ein Drittel der Studierenden zwar täglich Facebook, aber nur rund 15% finden es für das Lernen wichtig oder sehr wichtig (Rohs 2009). Auch die Studie von Jadin & Zöserl (2009) bestätigt dies und zeigt, dass für das informelle Lernen an Hochschulen vor allem klassische Medien wie das Buch und Zeitschriften von Bedeutung sind.
Dies heisst nicht, dass informelles E-Learning an Hochschulen unbedeutend ist. Ganz im Gegenteil. Es gibt ein paar gelungene Beispiele zur Integration informellen (e)Learnings an Hochschulen. Exemplarisch seien die Projekte Knowledge-Bay (Sporer 2008), inPUD (Jahnke & Mattick 2008), sowie CELEP (Kepp et al. 2008) genannt.
Abschliessend kann ich nur sagen, dass mir (und hoffentlich auch den Studierenden) der Ausflug an die LMU München sehr viel Spass gemacht und mich auch viel zum Nachdenken angeregt hat.
DIe Folien zum Vortrag gibt es hier
Quellen
Hauske, S. & Bendel, O. (2007). Informelles E-Learning. Im Internet: http://www.informelles-lernen.de/fileadmin/dateien/Informelles_Lernen/Texte/Hauske_Bendel_2007.pdf
Jadin, Tanja & Zöserl, Eva (2009). Informelles Lernen mit Web-2.0-Medien. In: bildungsforschung, Jahrgang 6, Ausgabe 1, URL: http://www.bildungsforschung.org/Archiv/2009-01/Web2.0/
Jahnke, I. & Mattick, V. (2008). Integration informeller Lernwege in formale Universitätsstrukturen: Vorgehensmodell „Sozio- technische Communities“, In Zauchner, S.; Baumgartner; P.; Blaschitz, E. & Weissenbäck, A. (Hrsg.): Offener Bildungsraum Hochschule: Freiheiten und Notwendigkeiten, S. 192-203. Münster: Waxmann Verlag.
Kepp, S.-J. et al. (2008): Chatten kann jede/r
. Integration von informellen Lern- und Kommunikationswegen und Social Software in ein Blended-Learning-Konzept für Lehramtsstudierende im Bereich Englische Kulturwissenschaft. In: Zauchner, S.; Baumgartner, P.; Blaschitz, E.; Weissenbäck, A. (Hrsg.): Offener Bildungsraum Hochschule. Freiheiten und Notwendigkeiten. Medien in der Wissenschaft; Band 48. Münster, Waxmann, 2008. 204-213.
Madge C. et al. (2009). Facebook, social integration and informal learning at university: It is more for socialising and talking to friends about work than for actually doing work. Media and Technology, Vol. 34, No. 2. (2009), pp. 141-155.
Mori, I. (2007). Student Expectations Study 2007. Coventry: Joint Information System Comitee.
Rohs, M. (2008). Studierendenbefragung E-Learning 2008: Ergebnisse. Universität Zürich, E-Learning
Center. Online: http://www.elc.uzh.ch/news/studierendenbarometer200/UZH-Studierendenbefragung_E- Learning_2008.pdf
Selwyn, N. (2007) ‘Web 2.0 applications as alternative environments for informal learning – a critical review’ paper presented to OECD-KERIS expert meeting – Korea, October 16-19th, Online: http://www.oecd.org/dataoecd/32/3/39458556.pdf (21.07.2009)
Sporer, T. (2008): Projekt Knowledgebay – Fallbeispiel zur Integration informeller studentischer Lerngemeinschaften in das formale Hochschulstudium. In: Schachtner, C. & Höber, A. (Hrsg.). Learning Communities: Der Cyberspace als neuer Lern- und Wissensraum. S. 145-156. Wiesbaden: Gablerverlag.