Wenn das informelle Lernen mit digitalen Medien thematisiert wird, kommt man aktuell nicht um Isa Jahnke herum, die eine ganze Reihe von Beiträgen zu diesem Thema veröffentlicht hat. Drei von diesen Artikeln (siehe Quellen) habe ich jetzt gelesen.
Alle Drei behandeln im Wesentlichen die theoretischen Grundlagen sozio-technischer Communities und den Erfahrungen aus dem Einsatz solcher Communities im universitäten Kontext. Thematisiert werden dabei die Möglichkeiten der Integration informeller Lernwege in formale Universitätsstrukturen. In Jahnke & Mattick (2008) wird dabei vor allem das konkrete Vorgehen der Etablierung und Entwicklung der Community in universitäre Strukturen angesprochen. Dies ist auch Fokus von Jahnke (2009b), wobei hier der Fokus stärker auf den empirischen Daten gelegt wird.
Am besten gefallen hat mit aber – bei allen Überschneidungen der drei Artikel – der Beitrag aus der IWP, da er empirische etwas breiter angelegt istt und (etwas mutiger) auf mögliche Konsequenzen eingeht und Empfehlungen zur Kultivierung von Communities gibt. Besonders interessant fand ich in diesem Beitrag eine Übersicht zu do’s und dont’s der Unterstützung des Informellen:
Alle Artikel sind Online verfügbar und sehr lesenswert.
Wie bei der Rezension von Jessica Blings angedeutet, liegen bei mir noch zwei weitere Bücher oder besser gesagt Dissertationen auf dem Tisch, die zumindest teilweise das informelle Lernen behandeln.
Wenn ich Rezensionen schreibe, so entweder über Bücher oder Artikel, deren Autoren ich nicht kenne bzw. zu denen ausreichend emotionaler Abstand besteht, so dass ich mich nicht in meiner Kritik befangen fühle. Anderfalls, und dies ist hier der Fall, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich diese Buchbesprechung nicht als neutrale Rezension verstehen möchte, sondern als Buchvorstellung.
Die Dissertation von Friederike Fahr entstand bei Prof. Knoll an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, wurde aber ebenfalls im Kolloquium von und durch Prof. Dehnbostel (Universität der Bundeswehr Hamburg) begleitet, in dem ich auch beteiligt war.
Die Arbeit von Friederike Fahr beschäftigt sich mit der “lernförderlichen Gestaltung von Arbeit einer produktionsintensiven Organisation” sowie mit der “Gestaltung und Unterstützung der Übergänge zwischen dem formellen Lernen in der betrieblichen Weiterbildung und dem informellen Lernen im Prozess der Arbeit.” (S.8) Ich werde mich in der Ergebnisdarstellung im Wesentlichen auf die Aspekte zum informellen Lernens fokussieren.
Aufällig an der Publikation ist auf den ersten Blick, dass sie mit 450 Seiten dicker ausfällt als andere Disserationen. Allein 250 Seiten beschäftigen sich mit der Auswertung der Fallstudie, die sich in Vorstudie, Dialogstudie, Konzeptstudie und Hauptuntersuchung aufteilt. Ziel der Vorstudie war es, die Rahmenbedingungen und Wechselwirkungen des Lernens im Prozess der Arbeit zu erfassen und das in der Theorie entwickelte Kontextsmodell zu überprüfen. Diese Kontextmodell geht davon aus, das Lernen im Prozess der Arbeit durch die Kontextbedingungen der Tätigkeit, der Beteiligung, der Arbeisumgebung und der Kommunikation bestimmt sind (vgl. S. 13). Hier bin ich zum ersten Mal auf ein mir bekanntes, aber durch das Zitat sehr plastisch gewordenen Sachverhalt aufmerksam geworden. Da heisst es, dass die Tätigkeit in der Montage so leicht gestaltet werden muss, dass sie auch unkonzentriert auzuüben ist. Denn wer schafft es schon, sich eine ganze Schicht zu konzentrieren. Wenn dies das Ziel ist, so stellt sich die Frage, wo hier überhaupt Lernen stattfinden kann. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Fazit der Vorstudie heisst:
“Veränderungs- und Lernprozesse werden nicht mit der Tätigkeit am Montageband in Verbindung gebracht. Diese Tätigkeit ist an sich nicht lernhaltig. Zudem wird Lernen sogar als hinderlich für eine reibungslose Produktion gesehen. Herausforderungen und Lernen in der Tätigkeit sollen ausgeschlossen werden, da das daraus folgende Nachdenken und Reflektieren über die Arbeit den Produktionsprozess verzögern könnte. Außerdem kann zuviel Wissen zur Demotivation der Mitarbeiter am Band führen, vor allem, wenn konkrete Anwendungsmöglichkeiten fehlen.” (S.158)
Damit scheint alles gesagt und das, was man weiss bestätigt. Doch es geht weiter:
“In der Mitarbeitenden Beobachtung (sic!) und unterstützt durch die Interviewaussagen, lassen sich in der Produktionsarbeit jedoch eine Vielzahl lernhaltiger Situationen, Tätigkeiten und auch Kommunikationsformen in der produktionsintensiven Arbeit feststellen.” (S. 158)
Um diese wirksam werden zu lassen, ist vor allem Eigeninitiative und die Unterstützung durch den Vorgesetzten von Bedeutung.
Die Dialogstudie hat zu Ziel, die Wahrnehmung der Mitarbeiter und Führungskräfte auf das Lernen im Prozess der Arbeit aufzunehmen. Hierbei kommt Friederike Fahr zu der Erkenntnis, dass die zur Verfügung stehende Zeit im Sinne von Freiräume, wichtigste Rahmenbedingung für das Lernen ist (S. 175). Dies fand ich ein interessantes Ergebnis, weil sich auch in meiner Arbeit die Zeit als Dreh- und Angelpunkt vieler Lernprozesse in der Arbeit herausstellte. Eine genauere Untersuchung der Zeit als Kriterium der Lernförderlichkeit oder besser -möglichkeit im Prozess der Arbeit wäre eine spanndende Forschungsaufgabe. Mich würde es aber eigentlich wundern, wenn es dazu noch nichts gibt.
In der Konzepstudie schliesslich geht es u.a. um die Herausarbeitung und Darstellung der Leitideen zur Unternehmens- und Lernkultur und spätestens an dieser Stelle bekommt man einen Eindruck von der Vielschichtigkeit der Arbeit – denn zu meinem eigentlichen Interesse bin ich noch nicht vorgestossen. Daher lasse ich auch die nächsten 200 Seiten unberücksichtigt und komme direkt zum Kapitel 5.4.3.7 Formelles und informelles Lernen.
Schon an der Kapitelhierarchie wird deutlich, dass das Thema dann doch nicht ganz so präsent ist, wie es vielleicht in den zentralen Fragestellungen erscheint – auch wenn es implizit sicherlich an vielen Stellen eine Rolle spielt.
Das Kapitel beginnt mit Aussagen der Interviewpartner zur Begriffsklärung, wobei deutlich wird, dass formelles Lernen der Aneignung von Grundlagenwissen zur Beherrschung der praktischen Arbeit ist – Gleichzeitg aber nicht allein dazu befähigt (S. 363). Informelles Lernen ist die Anwendung des Gelernten in der Praxis, das Üben und das Sammeln von Erfahrung. Auch an dieser Stelle verweist Fahr darauf, dass aus Sicht der Führungskräfte die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden für die Wahrnehmung informeller Lernchancen zentral ist.
Bezüglich des Verhältnisses formellen und informellen Lernens kristallisierten sich aus der Untersuchung zwei Blickrichtungen heraus:
a) “Man braucht ein Grundlagen- und Orientierungwissen, um sich in der Welt und in der Arbeit zurechtzufinden, um in konkreten Situationen angemessen reagieren und sich darauf aufbauend weiterentwickeln zu können.” (S. 365)
b) “Lernen vollzieht sich im Tun, in konkreten Handlungen und der aktiven Suche nach Problemlösungen und neuen Handlungsalternativen. (…) Wenn in formalen Lerneinheiten konkrete Bezüge und individuelle Verankerungen zu Arbeitssituationen bzw. möglichen Problemstellungen in der Arbeit möglich werden, kann sich auch hier Lernen vollziehen.” (S. 365)
D.h. Formelles Lernen schafft das Grundlagenwissen für den informellen Erwerb von Erfahrungswissen in der Arbeit. In der Arbeit können sich aber auch wieder Lernbedarfe zeigen, die dann in formalen Settings befriedigt werden. Grundlagenwissen ohne Anwendungsmöglichkeit ist nutzlos. “Lernen vollzieht sich erst vollständig in konkreten Anwendungssituationen” (S. 367) Für die konkrete Gestaltung der Arbeit bedeutet dies die Schaffung entsprechender Möglichkeiten, das formal erworbene Grundlagenwissen auch anzueignen. Damit sind auch die Führungskräfte angesprochen, denen mehr “Aufmerksamkeit, Flexibilität bzw. Offenheit für (neue) Denkweisen” abverlagt wird (S. 369) Aber auch den Trainern und ihrer Fähigkeit inhaltlich wie motivational Bezüge zwischen formellem und informellen Lernen herzustellen, kommt eine grosse Bedeutung zu. damit möchte ich auf einige Gestaltungsempfehlungen kommen, die Friederike Fahr aus ihren Ergebnissen ableitet:
Es braucht die Dialog zwischen Weiterbildung und Fachbereiche. Dies bedeutet u.a., dass die Weiterbildung mehr Einblicke in die Produktionszusammenhänge braucht – wo dies noch nicht gegeben ist. In den Fachbereichen braucht es wiederum Strukturen, die die Anwendung des Gelernten in die Praxis ermöglichen und unterstützen.
Formale Weiterbildung darf sich nicht auf Kurse beschränken, sondern muss durch individuelle(re) Formen der Unterstützung und Begleitung ergänzt werden. Und auch für die formalen Bildungsangebote gilt generell die Notwendigkeit, dass sie stärker auf das Individuum ausgerichtet sein müssen.
Zusammenfassend ist für mich erstaunlich, wie sehr sich die Ergebnisse dieser Arbeit mit der meiner Arbeit überschneiden, auch wenn gänzlich unterschiedliche Branchen untersucht wurden. Vor diesem Hintergrund wäre es sicherlich spannend, aus den Ergebnissen die Theorieentwicklung voranzutreiben und weitere empirische Untersuchungen durchzuführen. Es liegen doch nun einige Erkenntnisse auf dem Tisch, die eine genauere Betrachtung erforderlich machen, wenn nicht sogar erst ermöglichen. Dies sind sicherlich noch keine Meilensteine, aber wichtige Schritte für ein besseres Verständnis der Verbindung formellen und informellen Lernens im Kontext betrieblichen Lernens.
Quellen
Fahr, Friederike (2009). LernWerk: Lernen im Prozess der Arbeit am Beispiel der Automobilindustrie. Reihe Berufsbildung, Arbeit und Innovation – Dissertationen/Habilitationen Band 14. Bielefeld: W. Bertelsmann.
Rohs, Matthias (2007). Connected Learning: Zur Verbindung formellen und informellen Lernens in der IT-Weiterbildung. Saarbrücken: VDM-Verlag.
In der Diskussion zum Home Schooling wird auch immer wieder die Verbindung zum informellen Lernen hergestellt. Schon an dieser Stelle bin ich auf ein Buch von Alan Thomas eingangen. Nun bin ich auf ein Video von ihm gestossen, in dem er sich zu der Thematik äussert.
Einen Online-Text zu der Thematik von Alan Thomas gibt es auch bei infed.org
Dr. Alan Thomas is a visiting at the Institute of Education, University of London. He was formerly at the Northern Territory University, Darwin, Australia. He is a Fellow of the British Psychological Society. He can be contacted at a.thomas@ioe.ac.uk (Quelle: infed.org)
Eine der grössten Herausforderungen bei der Sichtung der Forschung zum informellen Lernen ist es, Informationen aus dem nicht deutsch- und englischsprachigen Ausland zu bekommen. Was passiert in China und Japan? Was in Spanien und der Türkei? Zwar gibt es teilweise englischsprachige Literatur, doch muss ich sagen, dass ich von dieser Diskussion relativ wenig mitbekomme. Nun bin ich heute auf den Seiten des fbb Nürnberg auf folgende Publikation gestossen, die dieses Dilemma deutlich illustriert:
Erst vor kurzem bin ich hier auf einen Artikel von Patrick Werquin zum Stand der Anerkennung informellen Lernen (in den OECD-Ländern) eingegangen. Nun gibt es eine schöne Ergänzung oder besser gesagt Spezialisierung dieses guten Artikels für die Anerkennung informellen bzw. non-formalen Lernens an Universitäten in Frankreich von Michel Feutrie, den ich kurz zusammenfassen möchte.
Zunächst beginnt Feutrie mit einer Begründung für die Notwendigkeit der Anerkennung informellen Lernens an Universitäten. Dabei bezieht er sich auf die zunehmende Bedeutung lebenslangen Lernens und dessen politische Verankerung in der europäischen Bildungspolitik und merkt an:
“The introduction of flexible learning offering opportunities to people engaged in professional life to come back to a university several times during their working life becomes necessitiy. As our activities at work or in socal life give us more and more opportunities to learn ‘return’ to an university programme requires now recognition and validation of what ’students’ learnt outside in non-formal and informal contexts.” (S. 187)
Weiter führt er aus:
“A survey (…) announces that in 58% of universities in Europe recognition of prior learning is available for entry to a course and in 52% for the award of a part of a diploma” (S. 187)
Nach der allgemeinen Einführung in das Thema widmet sich der Artikel der Beschreibung des Anerkennungssystems informellen Lernens in Frankreich. Ausgehend von der geschichtlichen Entwicklung ab 1985 wird der gesetzliche Rahmen abgesteckt, bevor das Vorgehen an sich beschrieben wird. Dabei macht Feutrie darauf aufmerksam, dass 15′000 Qualifikationen (festgehalten im Répertoire National des Certifications Professionelles) über informelles und non-formelles Lernen erreicht werden können (Ausnahme bilden der Gesundheits-, Verteidigungs- und Sicherheitsbereich). Im Zentrum des Anerkennungsprozesses steht eine Jury (zu einem Viertel bestehend aus Vertretern der Sozialpartner), die die Ergebnisse eine Dokumentation bzw. eines Assessments begutachten und entscheiden, ob der Kandidat den Abschluss erhält, bzw. welche weiteren “Module” er noch lernen muss.
2006 erhielten die Universitäten 3705 Dossiers zur Begutachtung von denen 94% durch eine Jury geprüft wurden. Die Hälfte der Kandidaten erhielt anschliessend den Qualifikationsnachweis. Aufgrund der Tatsache, dass sich 84 von 86 Universitäten an diesem Prozess beteiligen, kann das System als etabliert betrachtet werden. Die Hälfte der Anerkennungsverfahren werden allerdings von nur 15 Universitäten durchgeführt. Und noch weitere Zahlen führt Feutrie auf: 44% erreichen einen Abschluss auf Bachelor-Ebene, 40% auf Master-Ebene, 55% der Kandidaten sind männlich und zwei Drittel zwischen 30 und 45 Jahre alt.
Ein grundlegendes Problem der Anerkennung von Kompetenzen auf der Ebene von Universitätsabschlüssen – auf das Feutrie am Ende seines Beitrags aufmerksam macht – liegt in der Vergleichbarkeit.
“In France, university programmes are mainly described in terms of contents and are discipline based. This description is not unseful for validation. Validation starts from what is demonstrated in concrete activities. What is demonstrated is always a combination of knowledge, methodologies and skills mobilised to solve a concrete (repetitive, new crucial) problem. The work to do is to try to establish a connection, a link between competences verified as effective in a specific context, for a type of action and capacities which are expected from those who are awarded by classical ways.” (S. 195).
Ähnliche Probleme sind auch im Rahmen des IT-Weiterbildungssystems in Deutschland identifiziert und bearbeitet worden (Mucke & Grunwald 2002). Folgend wurde sich vor allem im Ankom-Projekt mit dieser Thematik auseinandergesetzt, in dessen Rahmen auch einige Publikationen erschienen sind (siehe Website).
Feutrie unterscheidet fünf Stufen des Status der Anerkennung informell und non-formal erworbener Kompetenzen, wobei Deutschland in der Gruppe derer ist, “where arrangements are emerging” (zur Erinnerung, Werquin ordnete Deutschland den Ländern mit “fragment practices” zu). Frankreich hingegen ist in der vierten Gruppe, “where arrangements are already there and demonstrating concrete practice.” (S. 189).
Soweit ich mitbekomme, ist dieses Thema auch in der Schweiz nicht gänzlich unbeachtet, auch wenn sich z.B. hier an der Universität Zürich noch niemand konkret damit beschäftigt. Falls jemand mehr weiss, wäre ich für Hinweise sehr dankbar.
Quellen
Feutrie, Michel (2009). Validation of Non-Formal and Informal Learning in Universities in France, In Michaela Knust & Anke HAnft (Hrsg.), Weiterbildung im Elfenbeinturm!? (S. 187-197). Münster: Waxmann.
Mucke, Kerstin; Grunwald, Stefan (2002): Leistungspunktsystem in der beruflichen Weiterbildung – Bereich IT. In: BMBF (Hrsg.) (2002): IT-Weiterbildung mit System. Neue Perspektiven für Fachkräfte und Unternehmen. Dokumentation. Bonn
Werquin, Patrick (2009). Recognition on Non-formal and Informal Learning in OECD Countries: an Overview of Some Key Issues. In report: Zeitschrift für Weiterbildungsforschung. 32 (3). S. 11-23