report 3/2009: Messverfahren und Benchmarks in der Weiterbildung
von Matthias Rohs - 12. October 2009Nein, ich bekomme (noch) kein Geld dafür, dass ich auf die Zeitschrift report hinweise. Nachdem ich hier schon auf die letzte Ausgabe eingegangen bin, komme ich nicht umhin auch auf die aktuelle Ausgabe einzugehen, die sich mit Messverfahreung und Benchmarks in der Weiterbildung beschäftigt. In dieser Ausgabe gibt es zwei sehr interessante Artikel von Werquin und Severing, die sich kritisch mit dem Stand der Anerkennung und Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen auseinandersetzen.
Zunächst der Artikel von Patrick Werquin, der einen Überblick über den Stand der Anerkennung informell erworbender Kompetenzen in den OECD-Ländern gibt. Der Artikel basiert auf den Ergebnissen eines (noch) unveröffentlichten Reports der OECD (2009). Aber auch darüber hinaus sind viele interessante Gedanken enthalten, die ich schlaglichtartig vorstellen möchte:
“The development of lifelong learning policies and practices in many countries has revealed that skills, knowledge and/or competences are also acquired outside formal educational contexts. It is often called experience. For formal education and training systems this observation deeply challenge their qualification monopoly and therefore may engender some resistance.” (S. 13)
Auch Severing geht in seinem Artikel auf die noch (viel zu) wenig thematisierten Motivationen und auch Konflikte ein, die sich aus einer Zertifizierung informell erworbender Kompetenzen bzw. Strukturen ergeben. Diese anzusprechen war auch Ziel der Ausgabe der (noch aktuellen) Online-Zeitschrift Bildungsforschung zu Motiven informellen Lernens. Dieses Thema scheint aber nicht wirklich auf der Agenda zu stehen, ist aber auch meiner Meinung nach zentral für die Etablierung entsprechender Angebote und Infrastrukturen zur Anerkennung und Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen. In engem Zusammenhang damit stehen ökonomische Fragen. Nicht nur in Form von Konkurrenz für das bestehende Geschäft von Bildungsdienstleister, denn die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen kann auch die Kosten für die Qualifikation reduzieren – dadurch, dass nur noch geprüft wird bzw. der Anteil an Präsenzzeiten reduziert wird. “But the potential benefits go way beyond the economic argument” (S. 15). Allgemein bekommt so auch die Prüfung ein deutlich stärkeres Gewicht als der Lernprozess. Dies ist auch in der aktuellen Forschung, deutlicher aber noch in der politischen Diskussion zu beobachten.
Umhin kommt Werquin auch nicht, das unterschiedliche Verständnis informellen Lernens anzusprechen und den Wunsch der OECD, zu einem gemeinsamen Verständnis zu gelangen. Damit wird auch noch mal deutlich, das der Ansatz aus dem Memorandum für Lebenslanges Lernen (EU-Komission 2000) sich nicht durchgesetzt hat. Der Vorschlag der OECD hält jedoch an der Dreiteilung fest und schlägt vor:
“the definition of non-formal learning, wich is historically situated somewhere between the other two, could vary to allow countries and regions to reflext their specific requirements.”
Obwohl die Einsicht eine Variabiliät des Begriffs zuzulassen sicherlich richtig ist, kann ich die Unterscheidnung nach Ländern oder Regionen (gemeint ist sicherlich auch die Kultur) nicht nachvollziehen. Meines Erachtens braucht es vielmehr eine kontextabhängige Variabilität, die mehr die auf die Lernsituation fokussiert (z.B. Berufsbildung, Medienbildung der Freizeitbildung). Diese können auch kulturelle Unterschiede mit berücksichtigen.
Angesichts der Bedeutung, die dem informellen Lernen und insbesondere der Anerkennung und Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen allgemein zugeschrieben wird, erstaut es doch, dass der Entwicklungstatus in Deutschland noch relativ gering ist. Die Rangliste von Werquin wie folgt aus:
“Several countries have a quasi-system (Ireland, the Netherlands, Denmark, Norway for example); others have a consistent set of practices (Australia, Canada, South Africa, UK, Belgium (Flanders); while others still have fragment practices (Germany, Spain, Italy, Korea, Mexico, Iceland, Switzerland). Lastly, some are in the initial (Austria, Chile, Slovenia) or very initial (Hungary, Greece, Czech Republic) phase.”
Diese Einschätzung ist auch eine gute Überleitung zum Artikel von Eckart Severing, der gleich zu Beginn seines Beitrags konstaniert, dass das deutsche Zertifikats- und Anerkennungswesen dem Wandel der Arbeitswelt und des beruflichen Lernens wenig Rechnung trägt, eine weitgehende Zertifizierung des informellen Lernens im Sinne des Erwerbs von Berechtigungen im Bildungs- und Beschäftigungssystem nicht vorgesehen ist und die wenigen Möglichkeiten dazu kaum wahrgenommen werden. Eine traurige Bilanz. Doch Severing schlägt auch einen Ausweg vor, den er in einer stärkeren Verbindung der Strukturen formellen Lernens und der Anerkennung informeller Kommpetenzen sieht. Dies wäre die Antwort auf die bestehenden Probleme mit der aktuellen Praxis.
“Der Vorsatz, informell erworbene Kompetenzen mit Zertifikaten der formalen Bildung zu validieren, führt zwei Welten des Lernens zusammen, die sich in grundsätzlicher Weise unterscheiden (…) Bildungsgänge können auf den Erwerb von Prüfungswissen hin optimiert sein; das beruflich informelle Lernen ist es nicht.” (S. 38). “Zudem würden besondere Verfahren für die Zertifizierung informellen Lernens voraussichtlich minder wertvoll im Vergleich zu denen der formalisierten Bildung gelten.” (S.39)
Konkret schlägt er vor,
“Zugänge zu bestehenden Zertifizierungssystemen des formalen Lernens für Externe zu öffnen und die Gestaltung von Prüfungen und Nachweisen für sie so zu adaptieren, das sie für Berufspraktiker zu bewältigen sind.” (S. 39). (…) Die Zertifizierung informellen Lernen muss insofern eine neue zusätzliche Aufgabe der Bildungsinsitutionen werden.” (S.41).
Und noch zwei weitere Hinweise auf Verbesserungsbedarf finden sich in dem Aufsatz von Severin, denen ich gerne zustimme: Zum einen weist er darauf hin, dass die Chancen von EQR/DQR zur Anerkennung und Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen nur dann genutzt werden können, wenn auch national “der Bedarf an einer besseren Dokumentation und einer verbindlicheren Zertifizierung informellen Lernens deutlich gemacht werden kann.” (S.42). Zum anderen weist er (zwischen den Zeilen) auf die Problematik hin, dass die deutschen Ansätze zur Anerkennung und Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen nicht miteinander verzahnt sind und unterschiedlichen rechtlichen Regelungen und Zuständigkeiten unterliegen.
Fazit: Es gibt also noch viel zu tun, um die Anerkennung und Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen (in Deutschland) auf den richtigen Weg zu bringen. Die beiden vorliegenden Artikel arbeiten die Herausforderungen deutlich heraus und geben Empfehlungen für notwendige Schritte.
Quellen
OECD (2009). Recognition of Non-formal and Informal Learning: Islands of Good Practice, OECD, Paris. (forthcoming)
Severing, Eckart (2009). Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen, In report: Zeitschrift für Weiterbildungsforschung. 32 (3). S. 35-45
Werquin, Patrick (2009). Recognition on Non-formal and Informal Learning in OECD Countries: an Overview of Some Key Issues. In report: Zeitschrift für Weiterbildungsforschung. 32 (3). S. 11-23


October 19th, 2009 at 12:47 pm
Danke für den Hinweis, das Magazin war mir bisher nicht bekannt. Das Thema Benachmarks und Zertifikate finde ich sehr spannend, so das ich mir gerade die Ausgabe bestellt habe.
November 4th, 2009 at 12:24 pm
[...] vor kurzem bin ich hier auf einen Artikel von Patrick Werquin zum Stand der Anerkennung informellen Lernen (in den [...]