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“80 Prozent” oder was auch immer

von Matthias Rohs - 15. January 2008

Hier habe ich über die Scope 07 berichtet, auf der das informelle Lernen auch ein Schwerpunkt war. Nun wurde das auch grafisch sehr ansprechende Booklet zur Tagung hier kostenlos zum Download bereitgestellt. Doch die Erkenntnisse zum informellen Lernen halten sich in Grenzen. Insbesondere Behauptungen wie

“80 Prozent des Wissens, das Mitarbeiter von Einrichtungen und Unternehmen an ihren Arbeitsplätzen einsetzen, seien nicht durch Schule, Studium, Aus- oder Weiterbildung erworben worden, sondern beim Plausch in der Kaffeeküche, in der Kantine oder auf dem Flur – durch informelles Lernen also.”

werfen bei mir immer wieder Fragen auf. Woher stammt diese Zahl? Auf welche Untersuchung wird sich bezogen? Weit verbreitet und immer wieder zitiert sind auch die ominösen 70% (Dohmen 2001, S. 7), die mit reichlich Quellen belegt sind, die wiederum zumeinst auf Schätzungen beruhen und denen sehr unterschiedliche Definitionsansätze des Begriffs informelles Lernen zugrunde liegen. Gerne wird sich auch auf den Faure-Report bezogen, in dem aber ebenfalls der Anteil informellen Lernens nur geschätzt wird. (Nebenbei findet sich auch in keiner mir bekannten Publikation, die auf die 70% des Faure-Reports referenziert, eine Seitenangabe zu dieser Zahl.)
Aktuell wäre noch Jay Cross zu erwähnen, der auch gerne von “the other 80%” spricht, und in seinem Buch “Informal Learning” auch zahlreiche Studien anführt, die das belegen (sollen). Tatsächlich ist es aber so, dass die von ihm angeführten Studien keine 80% nachweisen, sondern 70%, 75%, 85%-90% usw. An dieser Stelle könnte man noch mit großzügigen Rundungen und Mittelwerten argumentieren. Schaut man sich dagegen weiter um, sind auch Anteile zwischen 40% und 45% mehrfach in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen.

Die Abhängigkeit von Kontext, den Personen und Definitionsansätzen wird zum Zweck einer schlagkräftigen These vollkommen ignoriert. Es ist notwendig, genauer hinzusehen – und das ist keine akademische Diskussion. Der Anteil informellen Lernens ist nicht immer und überall gleich und Verallgemeinerungen, wie die oben erwähnte, helfen in der Auseinandersetzung nicht weiter. Sie unterstützen einen Hype, der genauso schnell wieder geht, wie er gekommen ist und argumentieren in ihrer Oberflächlichkeit auch für jeden beliebigen Zweck: So auch für Einsparungen im Bildungsbereich, wenn sich die Investitionen in formale Bildung angeblich so wenig rentieren.

Veröffentlicht unter Veröffentlichungen

2 Kommentare to ““80 Prozent” oder was auch immer”
  1. Jochen Robes schreibt:
    January 16th, 2008 at 1:40 pm

    Ja, die berühmten 80 Prozent! Zwei kurze Anmerkungen: Zum einen der Verweis auf eine Seite von Tim Schlotfeldt, der die Belege für das Verhältnis 80/20 einmal aufgelistet hat (größtenteils aus der besagten Arbeit von Günther Dohmen, aber dann auch mit Verweisen auf den Kanadier D.W.Livingston, der gerne als “die” Quelle zitiert wird).
    http://www.tschlotfeldt.de/elearning-wiki/80-20-Paradoxon

    Zum anderen: Für mich haben diese Zahlen eher eine heuristische Funktion (wer erwartet hier auch ernsthaft einen empirischen Nachweis??); so wie Modelle einen komplexen Sachverhalt auf den Punkt bringen, so steuern diese Zahlen unsere Aufmerksamkeit.

    Um an formaler Bildung zu sparen? Hoffentlich nicht! Um in informelles Lernen zu investieren? Hoffentlich! Vor allem, weil diese Investitionen häufig nicht mit Kosten verbunden sind!
    Gruß, JR

  2. Informeller Blog schreibt:
    April 22nd, 2008 at 5:51 pm

    [...] An dieser Stelle bin ich schon mal auf das 80%-Problem eingegangen und für eine differenzierte Sichtweise auf das immer wieder kehrende Argument gefordert, dass 80% des Lernens informell sind. In ähnlicher Weise ist es wohl zu einfach gedacht, dass sich durch informelles Lernen Kosten einsparen lassen – was vielleicht wünschenswert wäre, aber wohl nicht der Realität entspricht. Wie hier und hier berichtet wird, sind die Kosten für informelles Lernen sogar höher. Danach müsste die bekannte Grafik von Jay Cross umgekehrt werden. [...]

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