Grand Tour – Informelles Lernen aus Reisen
von Matthias Rohs - 30. January 2008
Wie sagte doch Mark Twain: “Reisen ist tödlich für Vorurteile“. Ist dem wirklich so, oder werden sie nicht eher bestätigt, weil man auf Reisen nur das sieht, was man auch sehen will? Die Reise in ein anderes Land bietet zumindest die Möglichkeit, durch direkte Erfahrungen sich ein realistisches und differenziertes Bild über “Land und Leute” zu machen.
In ihrem Buch “Touristische Gastfreundschaft in “good old Germany” thematisiert Dagmar Buck das informelle Lernen auf Reisen. Dabei untersucht sie speziell die Wahrnehmung touristischer Dienstleistungen in Deutschland bei amerikanischen Touristen. Das Buch ist damit an der Schnittstelle zwischen pädagogischen, ethnologischen, interkulturellen und ökonomischen Fragestellungen angesiedelt, was vielleicht auch der Grund dafür ist, dass es in der Diskussion zum informellen Lernen bisher nicht in Erscheinung getreten ist. Dabei wird von Seite zu Seite der untrennbare Zusammenhang zwischen Reisen und Lernen deutlicher. Angefangen von den Pilgerreisen (die ja gerade wieder an Beliebtheit gewinnen), über die Walz der Handwerker, die “Grand Tour” adliger junger Männer im 17. und 18. Jahrhundert, bis hin zu Bildungs- und Studienreisen gibt es dazu eine lange und hoch interessante Geschichte.
Dagmar Buck betrachtet in ihrem 16! Kapitel umfassenden Buch zunächst die Grundbegriff und geht auf Informelles Lernen, Interkulturelles Lernen, Ethno- und Kulturzentrismus, Gastfreundschaft, Dienstleistungen und Service, Stereotype und Vorurteile ein und betrachtet anschließend noch die Sichtweise der Amerikaner auf Deutschland. Dabei kann es passieren, dass der Leser in der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themen den Fokus der Arbeit aus dem Auge verliert. Liegt es an der ausführlichen Darstellung der Themen oder daran, dass das Thema zu komplex ist?Angesichts der Breite der Themen ist es erstaunlich, wie fundiert die Nicht-Pädagogin Buck in das informelle Lernen einführt (zu den andern Bereichen kann hier leider keine Auskunft gegeben werden). Lediglich die Betrachtung der internationalen Forschung kommt mit knapp zwei Seiten etwas kurz weg. So bleibt auch immer das Gefühl, dass diese Arbeit nicht den singulären Status hat, der suggeriert wird. Der Fokussierung auf das informelle Lernen ist es wohl auch geschuldet, dass keine Bezüge zur Reisepädagogik aufgegriffen werden, die für die Behandlung des Themas sicherlich interessant gewesen wären.
Empirisch überzeugend ist die Triangulation von leitfadenorientierten Interviews, teilnehmender Beobachtung und Fragebogenerhebung. Insbesondere die teilnehmende Beobachtung ist ein wichtiger Bestandteil zur Analyse informellen Lernens. Leider wird auf die Auswertung der so gewonnenen qualitativen Daten nur sehr knapp eingegangen.
Im Ergebniskapitel werden die Sichtweisen der Amerikaner auf Deutschland und ihre Erkenntnisse, die sie im Laufe der Reise gewonnen haben, differenziert nach Kategorien wie “Einkaufen”, “Restaurant” oder “Hotel” dargestellt. Dies ist in weiten Teilen sehr amüsant, werden doch alte Vorurteile bestätigt: Die Deutschen sind fleißig, intelligent, pünktlich usw. Teilweise wirken die Erkenntnisse aber auch banal, wie “In Deutschland gibt es weniger dicke Menschen oder das Servicepersonal spricht kein Englisch”. Aber vielleicht kommt es auch nicht darauf an was gelernt wurde, sondern dass gelernt wurde und in der Auseinandersetzung mit Deutschland und den Deutschen ein realer Eindruck gewonnen wurde, der nicht auf dem Stand von 1945 beruht.
Genau hier setzt dann auch die Betrachtung der Einflussfaktoren auf das informelle Lernen auf Reisen an: Es kommt auf die Begegnung an und die unmittelbare Auseinandersetzung mit den Menschen. Gerade dies ist aber in geführten Reisen, die bei Amerikanern beliebter sind als Individualreisen, weniger der Fall. So hört das informelle Lernen auch zumeist oft dort auf, wo die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Lernen, auch das informelle Lernen, bedarf einem Interesse an der Auseinandersetzung. Wenn dies nicht gegeben ist, können die Rahmenbedingungen noch so anregend sein, informelles Lernen wird dennoch nicht stattfinden.
Das Buch “Touristische Gastfreundschaft in good old Germany” von Dagmar Buck ist in hohem Maße interessant und behandelt ein für das informelle Lernen noch wenig beleuchteten Gegenstand. Der interdisziplinäre Blickwinkel zwischen Pädagogik und Tourismuswirtschaft fördert neue Einsichten und Zusammenhänge zu Tage, führt aber auch dazu, dass die Fokussierung verloren geht und es bei einer oberflächlichen Betrachtung bleibt. Damit ist es aber auch ein für Praktiker verständliches Buch, die sich mit dem (informellen) Lernen auf Reisen beschäftigen wollen.
Buck, D. (2005). Touristische Gastfreundschaft in “good old Germany” – Wahrnehmungen touristischer Dienstleistungen durch US-amerikanische Gäste. Münster: Waxmann.


August 19th, 2008 at 1:13 pm
Nachtrag: Die Zeitschrift EDUCATION PERMANENTE befasst sich in der Ausgabe 2/2008 mit dem Thema “Reisen bildet”. Inhaltsverzeichnis und Leseprobe gibt es hier: http://www.alice.ch/001alc_0306_de.htm
January 14th, 2010 at 1:39 pm
[...] Vielmehr sind Variablen wie Erwerbsstatus, berufliche Position, die schulische und berufliche Erstausbildung geeignet, auch wenn sie keine hinreichende Differenzierungskriterien sind (vgl. S. 355). Zudem zeigte sich, dass “zwar auch außerhalb des Betriebs informell gelernt wird, dass aber Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung den Ausschluss von dem wichtigen Feld beruflicher Kompetenzentwicklung bedeutet” (S. 316 mit Verweis auf Boud & Garrick 1999). “Als wesentliches außerberufliches informelles Lernfeld erweisen sich über alle Bildungs- und Sozialgruppen hinweg Reisen.” (S.325). (Siehe in diesem Zusammenhang auch Rezension von Buck 2005). [...]