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Kompetenzbilanzierung in der Schweiz

von Matthias Rohs - 11. February 2010

Das Thema Kompetenzbilanzierung gewinnt der in der berufspädagogischen Diskussion zunehmend an Bedeutung. Auch wenn es schon viele Jahre in der Diskussion ist, scheint es mir, dass aktuell mehr zu diesem Thema publiziert wird (u.a. Severing & Münk 2009, Strauch 2008, BWP 1/2010). Die Bilanzierung informell erworbener Kompetenzen spielt dabei (natürlich) auch eine wichtige Rolle. Gestern bin ich in diesem Zusammenhang auf eine interessante Website dazu gestossen, die das Verfahren in der Schweiz (Kanton Zürich) aufzeigt.

Zum Vorgehen:
Bei der Kompetenzenbilanzierung handelt es sich um ein systematisches Verfahren zur Erfassung Ihrer Erfahrungen und Lernleistungen.

Schritt 1 – Biografie
Sie stellen Ihre Erfahrungen zusammen: «Was habe ich bis heute alles gemacht? Was hat mich geprägt?»

Schritt 2 – Analyse der Erfahrungen
Sie analysieren Ihre Erfahrungen: «Was habe ich gelernt?»

Schritt 3 – Aktuelle Kompetenzen
Sie ordnen Ihre aktuellen Kompetenzen. Zudem holen Sie Meinungen anderer Personen ein: «Wie sehen mich Bekannte, Arbeitskolleginnen, Freunde?»

Schritt 4 – Selbstbeurteilung
Sie beurteilen die formulierten Kompetenzen und vertreten Ihre Bewertung glaubwürdig: «Wie gut kann ich das, was ich tue? Wie begründe ich glaubhaft meine Beurteilung?»

Zwischenhalt – Kernkompetenzen
Sie wählen Ihre wichtigsten Kompetenzen aus: «Wo liegen meine ausgeprägten Stärken? Was zählt für mich besonders?»

Schritt 5 – Aktionsplan
Sie planen Ihr weiteres Vorgehen: «Welche Ziele setze ich mir? Wie erreiche ich sie?»

Schritt 6 – Reflexion
Im Rückblick machen Sie sich Gedanken zu den bisherigen Schritten: «Was habe ich über mich erfahren? Wie ist es mir dabei ergangen, und was ist mein Fazit?»

Die Bilanzierung wird abgeschlossen durch ein persönliches gespräch mit einer Fachperson aus der Berufs­, Studien­ und Laufbahnberatung. Sie erhalten Rückmel­dungen zum Erarbeiteten, können Fragen klären und planen Ihre weiteren Schritte.

(siehe Flyer Kompetenzbilanz)

Darüber hinaus gibt es auch ein Validierungsverfahren zur Anerkennung anerkannter Berufsabschlüsse: Fachfrau/Fachmann Betreuung, Fachangestellte/r Gesundheit und aktuell auch für Informatiker. Als Voraussetzung werden einige Jahren Berufserfahrung” sowie Deutschkenntnisse angegeben. Da die Dokumentation über eine Internetapplikation erfolgt, sind zudem entsprechende Kenntnisse im Umgang damit erforderlich. Das Validierungsverfahren dauert ca. ein bis drei Jahre, je nach Voraussetzung. Die Kosten hängen von der in Anspruch genommenen Unterstützung ab und werden mit ca. 400-4000 Euro angegeben.

Zum Ablauf:

1. Information und Beratung
Der obligatorische Informationsanlass ist die Grundlage für alle weiteren Phasen des Verfahrens. Nach dieser halbtägigen Veranstaltung kennen Sie das Validierungsverfahren und können die
nächsten Schritte planen.

2.Bilanzierung
In einem persönlichen Dossier dokumentieren Sie vorhandenes Wissen und Können – selbstständig oder mit unterstützung in Seminaren und coachings. Sie belegen, welche Kompetenzen des anvisierten Berufes Sie bereits besitzen.

3. Beurteilung
Fachexpertinnen und ­-experten prüfen Ihr Dossier und vergleichen es mit dem Kompetenzprofil des angestrebten Berufsabschlusses.

4. Anrechnung
Sie erhalten von der zuständigen Behörde eine Bestätigung, welche der Kompetenzen als gleich­wertig anerkannt und welche Teile Ihrer Berufserfahrung angerechnet werden. Diese Bestätigung zeigt auch auf, welche Kompetenzen fehlen und in der ergänzenden Bildung nachgeholt werden müssen bzw. wie viel Berufserfahrung Sie für das eidgenössische Fähigkeitszeugnis noch benötigen.

Ergänzende Bildung
Sind in der Beurteilung Lücken erkennbar gewesen, können Sie diese in der ergänzenden Bildung schliessen. Ausgesuchte Berufsfachschulen bieten die passenden berufskundlichen
und allgemeinbildenden Kursmodule an.

5. Zertifizierung

Haben Sie die Module der ergänzenden Bildung absolviert und die noch fehlende Berufser­fahrung nachgeholt, reichen Sie die entsprechenden Bestätigungen zur Anerkennung ein. Erfüllen Sie nun alle Anforderungen des Berufsabschlusses, erhalten Sie das eidgenössische Fähigkeitszeugnis.

(siehe Flyer Validierungsverfahren)

Für die professionelle Begleitung des Anerkennungsverfahrens werden Personen eingesetzt, die über ein klar definiertes Kompetenzprofil verfügen, sowie an Schulungen teilnehmen müssen, die von verschiedenen Bildungsanbietern angeboten werden (z.B. Akademie für Erwachsenenbildung Schweiz)

Also ich muss schon sagen, dass ich auf den ersten Blick sehr begeistert bin. Weitere Informationen gibt es auf der eingangs erwähnten Website.

Quellen
Severing, e. & Münk, H. D. (2009). Theorie und Praxis der Kompetenzfeststellung im Betrieb – Status quo und Entwicklungsbedarf. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.
Strauch, A. (2008). Kompetenzbilanzierung im Betriebskontext: Eine Fallstudie. Hohengehren: Schneider Verlag

Veröffentlicht unter Anerkennung

Ein Kommentar to “Kompetenzbilanzierung in der Schweiz”
  1. Medienpraxis.ch » Kompetenzbilanzierung | Partizipatives Internet: Social Web schreibt:
    May 31st, 2010 at 7:48 pm

    [...] des Kantons Zürich. Dort wird das Verfahren der Kompetenzbilanzierung nachvollzogen. Zum Artikel bei informelles-lernen.de. Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 24. Februar 2010 um 08:48 Uhr veröffentlicht und wurde [...]

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