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Learning Outside the Classroom Manifesto »

Rahmungen informellen Lernens

von Matthias Rohs - 7. March 2008

Wenn ich im Folgenden auf die Dissertation “Rahmungen informellen Lernens” von GABRIELE MOLZBERGER eingehe, so geschieht dies nicht ganz unvoreingenommen. Wir haben im gleichen Jahr am Lehrstuhl für Berufs- und Arbeitspädagogik der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg promoviert, und dies auch noch zum gleichen Themenbereich: Das informelle Lernen in der IT-Weiterbildung. Damit ist sowohl eine große Wertschätzung für die Autorin verbunden, als auch ein besonders kritischer Blick auf das Geschriebene.

Zentrales Anliegen der 262 Seiten umfassenden Dissertation ist es, “Merkmale, spezifische Kontexte, Bedingungsfaktoren und, zumindest in Ansätzen, Muster informellen Lernens auf einer empirischen Grundlage zu beschreiben. Es geht um das Verhältnis zwischen individuellem Lernhandeln und strukturierenden Bedingungen sowie deren wechselseitige Konstitution.” (S. 18). Mit anderen Worten: Es geht um eine sehr grundsätzliche Erforschung und theoretischen Fundierung informeller Lernprozesse und deren Rahmenbedingungen.

Im theoretischen Teil der Arbeit werden “pädagogische Perspektiven” auf das informelle Lernen als “neu entdeckte Weiterbildungswelt” vorgestellt. Dies geschieht sowohl aus dem Blickwinkel lebenslangen Lernens, als auch organisierter Weiterbildung. Dabei wird das “Erschütterungspotential” informellen Lernens in der Berufs- und Weiterbildungsforschung deutlich, dass auch als eine Gefahr für die Profilierung dieser noch jungen Disziplin gesehen werden kann (S. 51).

MOLZBERGER bringt mit ihrer analytischen Arbeit Struktur in die unterschiedlichen Betrachtungsweisen und Theorieansätze zum informellen Lernen und schafft damit wichtige Orientierungspunkte für die aktuelle Diskussion. Sie kommt dabei zu einem erweiterten Verständnis informellen Lernens, dass sich am “Modell betrieblicher Lern- und Wissensarten” von DEHNBOSTEL (2001) orientiert (S. 82). Informelles Lernen zeichnet sich danach dadurch aus, dass es in Tätigkeiten und Handlungen eingebettet ist, eine professionelle pädagogische Einwirkung bzw. Lehr-Lernintention jedoch fehlt (S. 223). Formelles und informellen Lernen sind dabei als komplementäre Elemente der Kompetenzentwicklung zu sehen (S. 85).

Ausgehend von der analytischen Betrachtung bestehender Theorieansätze widmet sich MOLZBERGER im empirischen Teil ihrer Arbeit der Untersuchung informeller Lernens in kleinen und mittelständischen Betrieben der IT-Branche. Diese Arbeit baut auf die Untersuchungen von DEHNBOSTEL, MOLZBERGER & OVERWIEN (2003) auf. Dabei stehen Lernmöglichkeiten und Lernorganisationsformen in den Betrieben im Mittelpunkt. Aus qualitativen Betriebsfallstudien analysiert MOLZBERGER

  • das Selbstverständnis von IT-Fachkräften (z. B. als “kreative Bastler”),
  • Erscheinungsformen informellen Lernhandelns zur Bewältigung von Arbeitsaufgaben (z. B. Problemlösungsprozesse),
  • Balanceanforderungen zwischen Erfahrungsoffenheit und Erfahrungsschließung (z. B. “zwanghaftes” und spielerisches Lernen) und
  • Kooperatives Lernen als vermittelndes Handeln (z. B. Bedeutung von Sympathie und Vertrauen) (S. 198ff)

Bei der Betrachtung des Zusammenhangs von betrieblichen Strukturen und individuellem Lernhandeln stellt sie fest, dass in den untersuchten Betrieben “die Notwendigkeit einer Unterstützung von informellen Lernprozessen und des Aufbaus von Weiterbildungsstrukturen erkannt (wurde); allerdings erfolgt die betriebliche Organisation von Lernen und Weiterbildung intuitiv und ist weitgehend von Leitformeln getragen, wie “Wir schaffen das!” und “Aus der Not eine Tugend machen.” (S. 212). Formelles und informelles Lernen gehen dabei häufig ineinander über. Zeit und soziale Unterstützung haben sich darüber hinaus als wichtige Einflussfaktoren auf das informelle Lernen herausgestellt (S. 214f). Fehlende formelle Weiterbildungsstrukturen werden durch informelle Lernhandlungen kompensiert (S. 228).

MOLZBERGER liefert mit Ihrer Arbeit eine wichtige theoretische Aufarbeitung und Erweiterung des aktuellen Diskussionsstands zum informellen Lernen und leistet einen wesentlichen Beitrag, um der Praxis betrieblicher Weiterbildung auch in der theoretischen Durchdringung “auf den Fersen” zu bleiben. Dabei hat sie auch ein wesentliches Fundament für die weitere Auseianandersetzung mit dem informellen Lernen in der betrieblichen Weiterbildung geschaffen, dass für die weitere notwendige Forschungsarbeit wegweisend sein wird.

Quellen:

Dehnbostel, P. (2001). Perspektiven für das Lernen in der Arbeit. In: Arbeitsgemeinschaft betriebliche Weiterbildungsforschung (Hrsg.), Kompetenzentwicklung 2001 – Tätigsein – Lernen – Innovation. Münster: Waxmann.

Dehnbostel, P., Molzberger, G. & Overwien, B. (2003). Informelles Lernen in modernen Arbeitsprozessen – dargestellt am Beispiel von Klein- und Mittelbetrieben der IT-Branche. Berlin: BBJ-Verlag.

Molzberger, G. (2007). Rahmungen informellen Lernens – Zur Erschließung neuer Lern- und Weiterbildungsperspektiven. Wiesbaden: VS-Verlag.

Veröffentlicht unter Berufssbildung, Veröffentlichungen

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